Spanien wächst schneller als jede andere große Eurozonen-Volkswirtschaft, hat Rekordbeschäftigung und sinkende Arbeitslosigkeit. Der NOZ-Kommentar von Katrin Pribyl macht daraus trotzdem eine Geschichte über taktisches Kalkül.
Hallo NOZ, hallo Frau Pribyl,
der Kommentar „Alles nur Theater?“ konstruiert aus Spaniens Nato-Kurs ein Bild politischer Berechnung, das der eigenen Faktenlage im Text widerspricht.
Der Artikel selbst räumt ein, dass Spanien laut mehreren Nato-Diplomaten deutlich mehr in Verteidigung investiert, als es offiziell meldet, und dass Generalsekretär Rutte das Land ausdrücklich für sein Engagement an der Ostflanke lobt. Trotzdem wird daraus ein „bemerkenswertes Schauspiel“ gemacht, bei dem Sánchez unterstellt wird, er nutze den Konflikt mit Trump vor allem taktisch. Diese Lesart übergeht, was an Substanz dahintersteht.Spanien ist derzeit die am schnellsten wachsende große Volkswirtschaft der Eurozone. Über 22 Millionen Menschen sind erwerbstätig, ein historischer Höchststand. Die Arbeitslosigkeit ist auf den niedrigsten Wert seit 17 Jahren gesunken. Der Mindestlohn wurde seit 2018 um 61 Prozent angehoben. Nach eigenen Angaben der Regierung entfielen zeitweise rund 40 Prozent des gesamten Wachstums der Eurozone auf Spanien allein. Das sind keine Stimmungswerte, sondern Zahlen, die auch internationale Wirtschaftsmedien bestätigen.
Vor diesem Hintergrund wirkt die Deutung des Artikels schief. Eine Regierung, die ihre Bündnisverpflichtungen nachweislich erfüllt und gleichzeitig wirtschaftlich zu den Vorzeigeländern Europas zählt, wird nicht an diesen Ergebnissen gemessen, sondern auf verborgene Motive hin abgeklopft. Bei anderen Regierungschefs, deren Wirtschaftsbilanz deutlich durchwachsener ausfällt, findet sich diese misstrauische Grundhaltung in Ihrem Blatt auffällig seltener.
Kritik an Sánchez ist möglich und teilweise berechtigt, etwa was die Transparenz der Verteidigungsausgaben betrifft. Aber dann sollte sie an der Sache ansetzen, nicht an einer unterstellten Inszenierung, die die eigenen Fakten im Text nicht hergeben.
Mit freundlichen Grüßen
Update 22.07.2026, Antwort von Katrin Pribyl
Guten Tag Herr Reichl,
Vielen Dank für Ihre E-Mail und Ihre Anmerkungen.
Sie haben Recht: Spanien hat seine Verteidigungsausgaben in den vergangenen Jahren deutlich erhöht und übernimmt innerhalb der Nato wichtige Aufgaben. Genau deshalb habe ich in meinem Artikel auf den Einsatz Spaniens an der Ostflanke, die Investitionen in Streitkräfte sowie das ausdrückliche Lob von Nato-Generalsekretär Mark Rutte hingewiesen.
Der Gegenstand meines Kommentars war allerdings nicht die (sehr erfolgreiche) wirtschaftliche Entwicklung Spaniens oder die grundsätzliche Leistungsfähigkeit der Regierung Sánchez. Vielmehr ging es um die politische Kommunikation rund um die Verteidigungsausgaben. Nach übereinstimmenden Aussagen mehrerer Nato-Diplomaten investiert Spanien erheblich mehr in Verteidigung, als die offizielle Darstellung vermuten lässt. Die Frage, warum die Regierung dies öffentlich nicht stärker herausstellt, sondern den Konflikt mit Washington in Kauf nimmt, ist aus meiner Sicht journalistisch legitim.
Dass innenpolitische Erwägungen dabei eine Rolle spielen, ist keine reine Spekulation, sondern entspricht den Einschätzungen mehrerer Gesprächspartner innerhalb der Nato. Daraus ist die Bewertung abgeleitet, dass der öffentliche Konflikt beiden Seiten politisch nutzt – Trump ebenso wie Sánchez, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Meiner Ansicht nach widerspricht sich die Faktenlage in meinem Text deshalb nicht.
Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag und sende freundliche Grüße aus Brüssel,Katrin Pribyl
Meine Replik darauf:
Guten Tag Frau Pribyl,
danke für Ihre ausführliche Antwort, die ich gerne aufgreife.
Dass die Frage nach der politischen Kommunikationsstrategie rund um die Verteidigungsausgaben legitim ist, bestreite ich nicht. Diplomaten, die auf innenpolitische Erwägungen verweisen, sind eine seriöse Quelle, und dass Sie das aufgreifen, ist journalistisch nachvollziehbar.
Mein Einwand richtet sich weniger gegen die Fragestellung als gegen die Rahmung. Titel und Duktus des Artikels („Alles nur Theater?“, „bemerkenswertes Schauspiel“) erzeugen eine Symmetrie zwischen Trump und Sánchez, die der eigenen Faktenlage im Text nicht entspricht. Trump droht mit Handelsabbruch und öffentlicher Demütigung eines Bündnispartners, das ist Druckausübung. Sánchez verzichtet aus innenpolitischen Gründen darauf, öffentlich mit seinen tatsächlichen Verteidigungsausgaben zu punkten, das ist strategische Zurückhaltung. Beides als gleichwertiges „Geschäftsmodell“ zu beschreiben, nivelliert einen Unterschied, der für die Einordnung wichtig wäre.
Auch die von Ihnen genannten Gründe, fragile Minderheitskoalition, historisches Misstrauen gegenüber dem Militär seit der Franco-Zeit, mehrheitliche Ablehnung der Angriffe auf den Iran in der Bevölkerung, werden im Artikel eher als Beleg für taktisches Kalkül gelesen, könnten aber ebenso gut als genuine politische Zwänge verstanden werden. Diese Lesart kommt im Text nicht vor.
Ich schätze es, dass Sie sich die Zeit für eine so ausführliche Antwort genommen haben, und verstehe Ihre journalistische Absicht besser. An der grundsätzlichen Kritik an der Rahmung halte ich dennoch fest.
Mit freundlichen Grüßen