Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Autor: Timm Reichl (Seite 11 von 72)

Kirk als Märtyrer, Piker als Gefährder: Die NOZ und ihr verlässliches NZZ-Framing

Die NOZ inszeniert Kirk seit Monaten als Märtyrer, verharmlost Faschisten als „Querköpfe“ und übernimmt unkritisch NZZ-Texte, die linke Rhetorik als Gewaltursache rahmen. Kein Zufall.

Hallo NOZ, hallo Chefredaktion,

der NZZ-Text über Hasan Piker, am Ende als Quelle ausgewiesen, passt nahtlos in ein Muster, das ich seit Monaten dokumentiere. Im September 2025 wurde Charlie Kirk in der NOZ bereits als tragische Märtyrerfigur inszeniert, während rechte Gewalt in Deutschland, statistisch das weitaus größere Problem, kaum Schlagzeilen wert ist. Ewert widmete Kirk einen eigenen Kommentar, Clasen und Ebert folgten. Nun holt die NOZ aus der NZZ einen Text, der denselben argumentativen Bogen weiterzieht: Linke Rhetorik als Gewaltursache, rechte Akteure bestenfalls als „kontrovers“.

Der NZZ-Text selbst liefert dafür ein aufschlussreiches Beispiel. Nick Fuentes, Holocaustleugner und bekennender Faschist, wird als „neonazistischer Querkopf“ bezeichnet. Hasan Pikers Polemik hingegen wird als systemische Bedrohung für die Demokratie gerahmt. Diese sprachliche Asymmetrie ist kein stilistisches Versehen, sie ist Haltung.

Dass das Tatmotiv von Kirks Mörder, der angab, Kirk verbreite Hass gegen LGBTQ-Menschen, im Text nicht vorkommt, vervollständigt das Bild. Eine Einordnung, die das politische Profil der NZZ als wirtschaftsliberal und kulturell rechtsbürgerlich transparent macht, fehlt wie üblich.

Die NOZ befeuert seit Monaten ein Narrativ, links ist gefährlich, rechts ist übertrieben dargestellt. Wer dieses Muster kennt, liest auch diesen Text anders.

Mit freundlichen Grüßen

Der NOZ-Clasen Talk und Harald Kujat: Kreml-Narrative in Expertenkleidung

Der NOZ-Clasen-Talk lädt Harald Kujat ein, bekannt für russlandnahe Narrative seit 2022, und präsentiert ihn unkommentiert als Experten. Selenskyj als NATO-Provokateur, Ukraine als Stellvertreter der USA, das ist keine Analyse, das ist Propaganda mit Schulterklappen.

Hallo NOZ, hallo Herr Clasen,

der Clasen Talk hat sich einen Gast eingeladen, den man mit wenigen Worten präzise beschreiben kann. Harald Kujat ist keine neutrale sicherheitspolitische Stimme, sondern eine der bekanntesten Figuren im deutschsprachigen Raum, die seit 2022 russische Kriegsnarrative in westliche Medien trägt. Dass die NOZ ihn ohne jede redaktionelle Einordnung als „Ex-Nato-General“ präsentiert, ist journalistisches Versagen.

Kujats Kernthesen im Clasen Talk sind keine sicherheitspolitische Analyse, sondern Kreml-Narrative in Expertenkleidung. Die Behauptung, die Ukraine habe die NATO aktiv in den Krieg hineinziehen wollen, kehrt die Logik des Angriffskriegs um. Nicht Russland überfiel die Ukraine, sondern das Opfer wird zum Provokateur erklärt. Das ist eine rhetorische Figur, die seit 2022 systematisch aus Moskauer Propagandakanälen in westliche Debatten eingespeist wird.

Besonders problematisch ist die Anekdote über den Raketeneinschlag auf polnischem Boden 2022. Kujat behauptet, Selenskyj habe darauf gedrängt, diesen als russischen Angriff zu deklarieren, gestützt auf eine Aussage des polnischen Präsidenten Duda. Tatsächlich war diese Behauptung bereits 2022 umstritten und wurde von keiner unabhängigen Quelle bestätigt. Der Clasen Talk präsentiert sie als Tatsache, ohne jeden Hinweis auf ihre fragliche Belastbarkeit.

Das Narrativ vom „Stellvertreterkrieg zwischen USA und Russland“ ist das wirkmächtigste Instrument zur Delegitimierung der ukrainischen Souveränität. Es degradiert die Ukraine zum Objekt fremder Mächte und blendet aus, dass ein souveräner Staat sein Recht auf Selbstverteidigung wahrnimmt. Dass der Clasen Talk diese These unwidersprochen stehen lässt, ist keine Ausgewogenheit. Es ist Mitverantwortung am Framing.

Meinungsjournalismus darf Kontroversen suchen. Er sollte dabei jedoch nicht zum Resonanzboden für Positionen werden, die in sicherheitspolitischen Fachkreisen längst als russlandnah klassifiziert sind, und das ohne jeden kontextualisierenden Hinweis an die Lesenden.

Mit freundlichen Grüßen

Strompreise und Merit-Order-Prinzip, was die NOZ zur Energiewende verschweigt

Die NOZ erklärt, warum Strom trotz Erneuerbarer teuer bleibt, und ignoriert dabei das Merit-Order-Prinzip. Gas setzt den Preis, nicht der Netzausbau. Was der Artikel weglässt, ist kein Versehen.

Hallo NOZ, hallo Herr Hinrichs,

Ihr Artikel zur Netzbelastung durch die Energiewende verschweigt das Entscheidende.

Der Satz, die Sonne schicke keine Rechnung, der Netzbetreiber schon, klingt eingängig. Er ist aber nicht mal die halbe Wahrheit. Der Hauptgrund für hohe Strompreise ist nicht der Netzausbau, sondern das Merit-Order-Prinzip. An der Strombörse setzt der teuerste noch benötigte Erzeuger den Preis. Das sind in Spitzenzeiten Gaskraftwerke. Egal wie viel Sonne und Wind Strom produzieren, Gas bestimmt den Marktpreis. Wer das weglässt, erklärt Strompreise falsch.Auch bei den Netzkosten fehlt der entscheidende Kontext. Die gestiegenen Netzentgelte sind kein Naturgesetz, sondern politische Entscheidung. Als die Bundesregierung 2024 die EEG-Umlage aus dem Bundeshaushalt strich, wurden die Kosten auf die Netzentgelte verlagert. Dazu kommen Jahrzehnte verschlafenen Netzausbaus, fehlende Speicherförderung und ein Marktdesign, das private Erzeuger systemisch benachteiligt.

Der Artikel lässt Stadtwerke-Chef Waschow diese Zusammenhänge als quasi unvermeidliche Konsequenz der Energiewende beschreiben, ohne eine kritische Nachfrage. Wer gesetzt hat, welche Rahmenbedingungen gelten, bleibt unsichtbar. So entsteht der Eindruck, die Energiewende selbst sei das Problem, nicht ihre politische Missverwaltung über Jahrzehnte. Faktenbasierter Journalismus müsste beides zeigen.

Mit freundlichen Grüßen

Faktencheck mit selektiven Fakten: Warum Schellers Bas-Kritik in der NOZ selbst einer Prüfung nicht standhält

Die NOZ korrigiert Bärbel Bas per „Faktencheck“, setzt dabei Statistiken kontextlos ein und präsentiert politisches Framing als Empirie.

Hallo NOZ, hallo Frau Scheller,

Ihr Meinungsbeitrag wirft Bärbel Bas vor, die Migrationsdebatte „wegzumoderieren“. Das ist eine griffige Formulierung, die allerdings verdeckt, was der Text selbst tut: Statistiken ohne Kontext einsetzen, um eine politisch aufgeladene These abzusichern.

Die genannten Zahlen sind korrekt. Ihre Interpretation ist es nicht. Dass knapp die Hälfte der Bürgergeldempfänger keinen deutschen Pass hat, sagt nichts darüber aus, warum diese Menschen in Deutschland sind, ob sie zuvor Jahrzehnte Steuern gezahlt haben, ob sie als EU-Bürger aus dem Arbeitsmarkt gefallen sind oder ob sie tatsächlich als Asylsuchende gekommen sind. Diese Gruppen in einer Zahl zusammenzufassen und daraus auf „Einwanderung in Sozialsysteme“ zu schließen, ist kein Faktencheck, sondern Framing.

Dass Sozialleistungen bei der Wahl des Ziellandes „eine Rolle spielen können“, ist zutreffend, aber weit weniger eindeutig belegt als der Text suggeriert. Die Migrationsforschung zeigt überwiegend, dass Flucht- und Migrationsentscheidungen von Krieg, Verfolgung, sozialen Netzwerken und geografischer Erreichbarkeit dominiert werden. Die Rede von „Standortattraktivität“ durch Sozialleistungen klingt nach Wissenschaft, ist aber eine politische Rahmung.

Den Koalitionsvertrag als faktische Autorität gegen Bas zu zitieren ist methodisch schief. Koalitionsverträge sind politische Dokumente, keine empirischen Befunde.

Was Bas gesagt hat, war möglicherweise ungenau. Was Ihr Artikel daraus macht, ist es ebenfalls.

Mit freundlichen Grüßen

Warum der Rückzug aus X kein „Schmollwinkel“ ist – sondern eine Notwendigkeit

X ist kein Diskursraum mehr, sondern ein von Bots und Rechtsextremen dominierter Höllenpfuhl. Warum der Rückzug von SPD, Grünen und Linken kein Schmollwinkel, sondern ein Akt der Verantwortung ist – mein Leserbrief an die NOZ.

Hallo NOZ, hallo Herr Ludwig,

Ihr Kommentar „Warum der X-Exit von SPD, Grünen und Linken unklug ist“ (NOZ, 6. Mai 2026) wirft die Frage auf, ob Präsenz auf X noch sinnvoll ist. Doch sie übergeht, dass X unter Elon Musk kein reformierbarer Diskursraum mehr ist. Die Plattform wird von Bot-Armeen und rechtsextremen Akteuren dominiert, die sachliche Debatten systematisch ersticken. Musks eigene Posts (etwa die Zustimmung zu antisemitischen Verschwörungserzählungen) sowie die Wiederherstellung gesperrter Accounts wie der AfD oder Andrew Tate zeigen, X ist kein neutraler Marktplatz der Ideen, sondern ein Ökosystem, das Extremismus belohnt.

Die Algorithmen pushen kontroverse Inhalte, nicht Sachlichkeit. Selbst wenn Parteien oder Medien versuchen, sachlich zu bleiben, werden sie von der Plattform unsichtbar gemacht oder von Bot-Armeen überrollt. Wer dort bleibt, legitimiert ein System, das Demokratie und Faktendiskurs untergräbt.

Der Rückzug der Parteien ist kein Schmollwinkel, sondern ein Akt der Verantwortung, die Weigerung, sich an einem System zu beteiligen, das sie selbst diskreditiert.

Mit freundlichen Grüßen

Update vom 06.05.2026 – Antwort vom Autor

Guten Morgen Herr Reichl,

ich danke Ihnen für die Zuschrift und den klaren Standpunkt. Ich teile die Sorge, dass sich X in eine problematische Richtung entwickelt hat – mit mehr Desinformation, aggressiver Polarisierung und Akteuren, die Debatten gezielt vergiften. Auch die Logik der Plattform, Aufmerksamkeit über Zuspitzung zu belohnen, ist real. Tatsächlich sind meine Post dort auch deutlich weniger geworden in den vergangenen zwei Jahren…Gleichwohl: Mein Einwand zielt weniger darauf, X zu „verharmlosen“, sondern auf die Abwägung: Wenn demokratische Parteien und Medien den Raum komplett räumen, überlassen sie ihn erst recht jenen, die Sie ja eigentlich politisch bekämpfen wollen – und verlieren zudem einen Kanal, über den doch noch immer viele Menschen erreicht werden. Und was ist mit dem Abschied von X gewonnen? Rechtspopulisten wie Julian Reichelt/Nius haben ihn sogar zum Anlass genommen, ein Konto auf Bluesky zu eröffnen….Ich freue mich, wenn Sie uns gewogen bleiben, auch wenn die Ansichten mal auseinandergehen. Viele Grüße & und einen schönen Tag

Thomas Ludwig

Update vom 06.05.2026 – meine Replik dazu

Hallo Herr Ludwig,

vielen Dank für Ihre Antwort. Ich möchte noch einen Punkt anbringen.Gerade das Beispiel Nius/Reichelt zeigt doch, die rechten Krawallmacher folgen den Demokraten, nicht umgekehrt. Auf X brauchen sie die demokratischen Akteure als Feindbild und Klickgarantie. Ohne sie verliert ihr Geschäftsmodell an Zugkraft.

Mit freundlichen Grüßen

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