Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Kategorie: NOZ allgemein (Seite 4 von 8)

Strukturelle Medienkritik an der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ) und ihrem Verlagshaus NOZ/mh:n: Kommentarspalten-Schließung, Leserbrief-Politik, unkritische NZZ-Übernahmen, das neue Debattenformat „360°“ und die Frage, welche Öffentlichkeit eine Regionalzeitung mit überregionalem Mantelteil herstellt. Diese Kategorie richtet den Blick auf die NOZ als Institution.

Die NOZ, ausgezeichnet für Debatten, die sie abschaffen

Die NOZ gewinnt den European Publishing Award für „Räume für fairen Austausch“, während sie gleichzeitig Kommentarspalten schließt, Leserbriefe entkoppelt und kritische Kommentare verschwinden lässt. Ein Widerspruch, der dokumentiert ist.

Die Meldung ist kurz, aber sie sitzt: Die Unternehmensgruppe NOZ/mh:n hat den European Publishing Award 2026 gewonnen, für ihre 360°-Formate, für „Räume für fairen Austausch“, für das Ziel, „den Wert von Meinungsvielfalt greifbar zu erzählen“. Eine hochkarätig besetzte Jury, darunter ntv-Geschäftsführer Tilman Aretz und Funke-Chefredakteur Carsten Erdmann, findet das preiswürdig. Vielleicht sollte man die Jury mit ein paar Fakten versorgen.

Was die NOZ in den letzten Monaten getan hat

Im Februar 2026 wurden die Kommentarspalten auf noz.de geschlossen. Begründung: Qualitätssicherung, Debattenkultur, Verantwortung. Leserbriefe werden seitdem nicht mehr zeitnah zum jeweiligen Artikel veröffentlicht, sondern in „loser Folge“ gebündelt, entkoppelt vom Anlass, der sie ausgelöst hat, und damit entkoppelt von jeder öffentlichen Wirkung.

Das neue Vorzeige-Debattenformat, 360° | Das Forum, feierte im März seine Premiere mit Burkhard Ewerts Grönemeyer-Kommentar. Ich nahm teil, schrieb einen sachlichen Kommentar, erhielt eine Replik von Ewert, und konnte dann nicht mehr antworten. Meldung: „Kommentar kann aus technischen Gründen nicht abgeschickt werden.“ Ewerts letztes Wort blieb unwidersprochen im Raum stehen. Das Community-Team erklärte später, mein Kommentar sei „nie im System angekommen“. Warum, konnte man nicht sagen.

Das ist dokumentiert. Hier, auf diesem Blog.

Was die NOZ gleichzeitig behauptet

„In einer zunehmend fragmentierten Gesellschaft sieht das Medienhaus seine Aufgabe darin, Räume für fairen Austausch zu schaffen.“ So steht es in der Pressemitteilung zur Preisverleihung. Chefredakteur Burkhard Ewert wird zitiert: „Eine Gesellschaft ohne Diskurs ist eine Gesellschaft ohne Entwicklung.“

Das stimmt. Es stimmt sogar sehr. Nur: Wer Kommentarspalten schließt, Leserbriefe zeitlich entkernt und kritische Antworten im Forum verschwinden lässt, schafft keinen Diskurs. Er schafft eine Bühne, auf der die Redaktion spricht, und das Publikum applaudiert oder schweigt. Das nennt sich nicht Meinungsvielfalt. Das nennt sich Kontrolle.

Zur Einordnung

Ich bin nicht der einzige, dessen Erfahrungen mit der NOZ-Debattenkultur sich so zusammenfassen lassen. Auf diesem Blog finden sich Berichte von Lesern, deren Kommentare unter NOZ-Artikeln nie erschienen, die auf Instagram ausgeblendet wurden, die auf Leserbriefe keine Reaktion erhielten, oder eine so allgemeine, dass sie jede inhaltliche Auseinandersetzung elegant umschiffte.

Ein Preis für „fairen Austausch“ ändert daran nichts. Er macht es nur kontrastreicher.

Burkhard Ewert sagt, er sei stolz. Das glaube ich ihm. Ich wäre auch stolz, wenn ich für etwas ausgezeichnet würde, das ich nach außen so überzeugend erzähle, und nach innen so konsequent einschränke.

Herzlichen Glückwunsch, NOZ. Der Preis passt gut ins Regal. Gleich neben den geschlossenen Kommentarspalten.

Wenn der Kommentar das widerlegt, was der Nachrichtenartikel daneben belegt: Streckwaldt gegen Streckwaldt in der NOZ

In der NOZ vom 20.04. zitiert Finn Lasse Streckwaldt im Nachrichtenartikel den DVR-Präsidenten: Tempolimit auf Landstraßen sei „ein besonders wirksamer Ansatz“. Im Kommentar direkt darunter schreibt er: Ein Tempolimit rette „vermutlich kaum“ Leben. Derselbe Autor, dieselbe Ausgabe, dieselbe Seite.

Hallo NOZ, hallo Herr Streckwaldt,

in Ihrer Ausgabe vom 20. April 2026 findet sich eine bemerkenswerte Konstellation. Direkt unter Ihrem Nachrichtenartikel zur Verkehrssicherheitskonferenz veröffentlichen Sie einen Meinungsbeitrag, in dem Sie schreiben, ein Tempolimit auf Landstraßen rette „vermutlich kaum“ Leben. Dabei zitieren Sie im Nachrichtenartikel selbst DVR-Präsident Manfred Wirsch mit der Aussage, ein angepasstes Tempolimit sei „ein besonders wirksamer Ansatz“.

Das ist kein Widerspruch zwischen verschiedenen Autoren oder verschiedenen Tagen. Es ist ein Widerspruch innerhalb derselben Ausgabe, von derselben Person, auf derselben Seite.

Besonders auffällig ist, wie der Kommentar die Debatte verzerrt. Die Forschung und die im Nachrichtenartikel zitierten Experten streiten nicht für ein pauschales Tempolimit auf jeder Straße unter allen Bedingungen. Der DVR-Präsident plädiert ausdrücklich für eine „differenzierte, an der Infrastruktur orientierte Geschwindigkeitsregelung“. Gegen diese Position zu argumentieren wäre diskutabel. Doch der Kommentar bekämpft stattdessen eine vereinfachte Variante dieser Forderung und ignoriert dabei den Kompromissvorschlag, den der eigene Nachrichtenartikel ausführlich beschreibt.

Auch der Autobahn-Vergleich hält einer näheren Betrachtung nicht stand. Die absoluten Totenzahlen sagen wenig aus, solange man nicht die gefahrenen Kilometer berücksichtigt. Auf Autobahnen wird ein Vielfaches der Strecke zurückgelegt, die auf Landstraßen gefahren wird. Entscheidend ist zudem die physikalische Grundlage des Arguments, die der Kommentar übergeht. Bei einer Kollision steigt die Aufprallenergie quadratisch mit der Geschwindigkeit. Tempo 80 statt 100 bedeutet nicht etwas weniger Wucht, sondern deutlich weniger.

Meinungsjournalismus darf pointiert sein. Er sollte aber nicht gegen Fakten argumentieren, die der eigene Nachrichtenartikel im selben Blatt belegt.

Mit freundlichen Grüßen

Klassenprimus Dobrindt – und die NOZ lobt mit

Rena Lehmann adelt Dobrindt als „Konsensmaschine“, während auf derselben Seite Spaniens pragmatische Migrationspolitik steht. Ein Kontrast, den die NOZ nicht kommentiert.

Hallo NOZ, hallo Frau Lehmann,

der Meinungsbeitrag von Rena Lehmann über Alexander Dobrindt ist ein Lehrstück in wohlwollender Porträtierung. Der Innenminister wird als nachdenklicher Pragmatiker gezeichnet, der Polarisierung zurückdrängen will und dabei auf seine Sprache achtet. Was fehlt, sind die Maßstäbe.

Denn auf derselben Seite steht ein Artikel über Spanien, der zeigt, was eine andere Migrationspolitik konkret bedeuten kann; Legalisierung, Integration, wirtschaftliche Vernunft. Dieser Kontrast bleibt unkommentiert. Die Juxtaposition ist zufällig, und gerade deshalb aufschlussreich.

NOZblog

Dass Dobrindts Zurückweisungen an den Grenzen rechtlich auf „dünnem Eis“ stehen, erwähnt der Artikel immerhin, um es sofort wegzuerklären. Kein Grundsatzurteil bisher, Glück gehabt. Dass das Berliner Verwaltungsgericht bereits im Juni 2025 entsprechend geurteilt hat, das Innenministerium dies aber als „Einzelfall“ abtat und die Praxis einfach weiterführte, ist kein Kleinreden, sondern ein handfester Rechtsbruch auf Probe. Das verdient mehr als einen Nebensatz.

Ebenso auffällig ist, dass der Rückgang der Asylzahlen Dobrindt als Erfolg zugeschrieben wird, obwohl der Artikel selbst Migrationsforschern zitiert, die ihn vor allem auf den Sturz des Assad-Regimes zurückführen. Das ist ein erheblicher Widerspruch, der im Text aber nicht als solcher behandelt wird, sondern als Dobrindt-Zitat über das „Kleinreden“ seiner Gegner.

Schließlich, Lehmanns Schlussbemerkung, Dobrindt sei „ganz zufrieden mit sich“, klingt wie ein Befund, ist aber das Ergebnis eines Gesprächs ohne Aufzeichnung, auf Wunsch des Ministers. Welchen Erkenntnisgewinn ein solches Porträt jenseits des Selbstbilds des Porträtierten hat, bleibt offen.

Wer Friedrich Merz als kühlen Realisten adelt und Dobrindt als Klassenprimus, betreibt kein Nachrichtenmagazin, sondern Begleitmusik zur Regierung. Das ist eine redaktionelle Entscheidung, die man treffen kann, sie sollte aber als solche erkennbar sein.

Mit freundlichen Grüßen

Leserbrief zu „Sollten Wiedereinstieg in die Kernkraft prüfen“ von Andreas Schweiger/Braunschweiger Zeitung, NOZ vom 15.04.2026

Die NOZ übernimmt unkommentiert ein Kernkraft-Interview aus der Braunschweiger Zeitung. Erneuerbare kosten zu viel? Dabei fehlen im Text die 40 bis 65 Milliarden Euro jährlich für fossile Importe und Subventionen. Selektive Zahlen, keine Gegenstimme, kein Kontext.

Hallo NOZ,

am 15. April 2026 veröffentlichen Sie ein Interview des Energieexperten Jürgen Kuck, das zuerst in der Braunschweiger Zeitung erschien. Diese Herkunft wird erst im letzten Satz des Textes erwähnt, eine redaktionelle Einordnung fehlt vollständig. Das ist problematisch, weil der Artikel keine ausgewogene Analyse bietet, sondern eine klar positionierte Argumentation gegen die Energiewende, die ohne jede Gegenstimme präsentiert wird.

Inhaltlich fällt vor allem eine Leerstelle auf. Professor Kuck rechnet detailliert vor, was Erneuerbare-Subventionen und Netzausbau kosten. Er beziffert die Einspeisevergütungen auf 16 Milliarden Euro und den Netzzuschuss auf 6,5 Milliarden Euro. Was im gesamten Interview nicht auftaucht, sind die Kosten auf der anderen Seite der Bilanz. Deutschland gibt jährlich zwischen 40 und 65 Milliarden Euro für fossile Energieimporte aus, je nach Preisniveau. Hinzu kommen staatliche Subventionen für fossile Energieträger, die das Umweltbundesamt auf rund 65 Milliarden Euro jährlich beziffert, darunter die Steuerermäßigung auf Diesel, die Kerosinsteuerbefreiung und weitere Vergünstigungen. Wer über die Kosten der Energiewende spricht, ohne diese Zahlen zu nennen, betreibt keine Analyse, sondern selektive Arithmetik.

Auch die Forderung nach einem Kernkraft-Wiedereinstieg hält einer näheren Betrachtung nicht stand. Neue Reaktoren in Europa sind kein theoretisches Risiko, sondern eine dokumentierte Katastrophe. Der EPR-Reaktor in Flamanville kostete statt drei mittlerweile über 13 Milliarden Euro und wurde mit zwölf Jahren Verzögerung fertiggestellt. Das Projekt in Olkiluoto verlief ähnlich. Small Modular Reactors existieren bislang nicht in kommerziellem Maßstab. Selbst bei einer sofortigen politischen Entscheidung für einen Wiedereinstieg würde frühestens in den 2040er Jahren Strom fließen. Das ist kein Beitrag zur aktuellen Versorgungskrise, sondern ein Verweis auf eine Zukunft, die mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht eintrifft.

Dazu kommt, dass Kernkraft das Abhängigkeitsproblem nicht löst, sondern verschiebt. Uran stammt zu wesentlichen Teilen aus Niger, Kasachstan und Russland. Frankreich, das seinen Reaktorpark in den vergangenen Jahrzehnten konsequent ausgebaut hat, erlebte 2022 einen noch schärferen Strompreisschock als Deutschland, weil rund die Hälfte der Reaktoren wegen Wartungsproblemen nicht am Netz war.

Der eigentliche Befund des Interviews lautet, dass fossile Abhängigkeit das Kernproblem ist. Dieser Befund wird dann aber nicht konsequent zu Ende gedacht, sondern umgekehrt. Als Lösung wird nicht der beschleunigte Ausstieg aus fossilen Brennstoffen vorgeschlagen, sondern die Verlangsamung der Energiewende. Das ist eine politische Position, keine wissenschaftliche Einschätzung.

Ich erwarte von der NOZ, dass sie externe Artikel mit einer klaren energiepolitischen Agenda nicht unkommentiert übernimmt. Ein Hinweis auf die Herkunft reicht nicht. Notwendig wäre eine Einordnung, die fehlende Zahlen ergänzt, den Interviewpartner kontextualisiert und zumindest andeutet, dass es zur dargestellten Position gewichtige Gegenargumente gibt. Ohne diese Einordnung betreibt die NOZ keine Berichterstattung, sondern Weitergabe.

Mit freundlichen Grüßen

Krieg ohne Völkerrecht: Warum die NOZ mit dem NZZ-Artikel zum Iran-Krieg eine zentrale Einordnung schuldig bleibt

Die NOZ übernimmt einen NZZ-Artikel zum Iran-Krieg ohne ein Wort zum Völkerrecht. Dass die US-Angriffe gegen die UN-Charta verstoßen, kommt nicht vor. Das ist kein Journalismus, das ist Rahmensetzung per Auslassung.

Hallo NOZ, hallo NZZ,

die unkommentierte Übernahme des NZZ-Artikels „Die große Entfremdung“ vom 13.04.2026 ist ein weiteres Beispiel für ein inzwischen vertrautes Muster. Die NOZ druckt einen meinungsgeladenen Text, ohne ihn redaktionell einzuordnen, und übernimmt dabei stillschweigend dessen Prämissen.

Der Artikel beschreibt den US-amerikanischen Angriff auf den Iran ausschließlich als geopolitisches Kommunikationsproblem zwischen Merz und Trump. Was vollständig fehlt ist der völkerrechtliche Rahmen. Die Militärschläge gegen den Iran erfolgten ohne UN-Mandat, ohne Selbstverteidigungsartikel nach Art. 51 der UN-Charta, ohne Resolution des Sicherheitsrats. Sie sind damit nach überwiegender Einschätzung von Völkerrechtsexperten ein klarer Verstoß gegen das Gewaltverbot der UN-Charta. Dass Israel und die USA diesen Krieg führen, macht ihn nicht legitim, er macht ihn zu einem Angriffskrieg im Sinne des Völkerrechts.

Im Artikel kommt diese Einordnung mit keinem Wort vor. Stattdessen wird der Hudson-Institute-Experte Peter Rough zitiert, der die europäische Zurückhaltung als „erbärmlich“ rahmt und die Straße von Hormus als Argument für eine deutsche Kriegsbeteiligung anführt. Das ist nicht Analyse, sondern Interessenvertretung eines dezidiert konservativen US-Thinktanks, unmarkiert und unkommentiert abgedruckt.

Genauso wenig thematisiert der Text, dass Deutschland und die EU nicht aus Drückebergerei distanziert reagierten, sondern aus ernsthafter völkerrechtlicher Überzeugung. Diese Position als bloße Kommunikationspanne oder Merz’sche Undiszipliniertheit zu rahmen, verzerrt die Debatte fundamental.

Eine Regionalzeitung wie die NOZ, die Texte aus Zürich übernimmt, trägt Verantwortung dafür, was sie unkommentiert in den Blätterwald setzt. Wer den Iran-Krieg ohne Völkerrecht diskutiert, führt keine Debatte. Er betreibt Stimmungsmache.

Mit freundlichen Grüßen

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