Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Unspektakulär und gut so? Wie die NOZ den historischen Tiefstand von Merz als Reifeprozess verkauft.

NOZ feiert Merz „unspektakulären“ Auftritt als Reifeprozess, und verschweigt dabei den aktuellen Deutschlandtrend: 13% Zustimmung, neuer Tiefstand. Ob „vorsichtiger“ wirklich Reife bedeutet oder einfach fehlender Spielraum ist, bleibt unerwähnt.

Matti Gerstenlauers Meinungsbeitrag zu Friedrich Merz zweiter Sommerpressekonferenz zeichnet das Bild eines Kanzlers, der aus Fehlern gelernt hat, weniger vollmundige Versprechen, mehr Vorsicht, mehr Disziplin. „Unweigerlich auch erfahrener in der Rolle des Regierungschefs“, so das Fazit.

Was in diesem Text komplett fehlt, ist eine Zahl. Der aktuelle ARD-DeutschlandTrend (Juli 2026) sieht nur 13 Prozent der Wahlberechtigten wohlwollend gegenüber Merz, ein neuer Tiefstand seit seinem Amtsantritt, drei Punkte schlechter als im Vormonat. Die Union fällt zeitgleich auf 22 Prozent, ihren niedrigsten Wert seit November 2021, während die AfD unverändert bei 27 Prozent liegt.

Diese Zahlen tauchen im Artikel nicht auf. Nicht als Randnotiz, nicht als Einordnung, nicht als Gegengewicht zur Lobrede. Ein Leser, der nur diesen Text kennt, bekäme den Eindruck einer Regierung im leisen Aufwind, nicht einer, die einen historischen Vertrauensverlust verwaltet.

Das wirft eine Frage auf, die der Text nicht stellt. Ist das vorsichtigere, zurückhaltendere Auftreten wirklich ein Zeichen von Reife,oder eher Ausdruck fehlender Handlungsspielräume? Ein Kanzler, der bei 13 Prozent Zustimmung wenig zu verlieren, aber auch wenig zu gewinnen hat, könnte aus schlichter Erschöpfung leiser auftreten, nicht aus strategischer Weisheit. Diese Lesart lässt sich (anders als Gerstenlauers „lernendes System“-These) aus dem Text selbst nicht widerlegen, weil er die Ausgangslage schlicht nicht benennt.

Bezeichnend auch die Übernahme von Merz‘ Selbstbeschreibung als „lernendes System“ als Zwischenüberschrift, ohne den Begriff kritisch zu hinterfragen oder in Anführungszeichen zu setzen. Wer die Selbstdeutung des Kanzlers unkommentiert zur redaktionellen Kategorie macht, übernimmt dessen Rahmung, statt sie zu prüfen.

Der Text ist keine Falschdarstellung. Er ist eine Auslassung, und Auslassungen sind, wie wir bei nozblog.com immer wieder dokumentieren, oft die wirksamste Form von Framing

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2 Kommentare

  1. Norbert D.

    Hallo Herr Reichl,

    Mal zum Vergleich die SPD nahe Presse :
    RND Leitartikel von gestern von Kristina Dunz : “ Der neue Merz : souverän und selbstkritisch“ “ Die Mischung ist neu und gut“:
    https://www.rnd.de/meinung/
    Gefällt ihnen diese Einordnung besser ? Der Tenor ist der Gleiche wie in der NOZ.

    Oder die regierungsfreundliche Einschätzung am 03.07. vom Herausgebers der Neuen Westfälischen, die zu 100% der SPD Medienholding gehört: “ Der Untergang muss nochmals verschoben werden :
    https://www.nw.de/nachrichten/meinung/24367641_Reformpaket-der-Bundesregierung-Der Untergang-muss-nochmals-verschoben-werden.html

    Ich lese meine Zeitungen auch mit einer gewissen kritischen Distanz. Und da fällt mir manchmal auch auf, dass Überschriften online reißerischer sind als in der Printausgabe.:
    “ Hat die Hitze schon Gehirnzellen gekostet ? “ für den heutigen Gastbeitrag.
    In der Printausgabe: „Hitzeschutz ist Bevölkerungsschutz“

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