Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Schlagwort: NOZ (Seite 7 von 21)

Ein Satz zu viel Entlastung – Warum Burkhard Ewerts Kolumne zur Pressefreiheit an einer Stelle genau das tut, was sie eigentlich kritisiert.

Ewert beschreibt zu Recht Angriffe auf Journalisten in Erfurt. Doch seine Aussage, „sie taten es, nicht die AfD“ entlastet die Partei von ihrer eigenen Lügenpresse-Rhetorik. Genau diese Asymmetrie fehlt in seiner Kolumne.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

Ihre Kolumne beschreibt zu Recht, dass Journalisten in Deutschland zunehmend unter Druck geraten, und das nicht nur aus einer politischen Richtung.

Problematisch wird Ihr Text an anderer Stelle. Der Satz „sie taten es, nicht die AfD“ ist für den konkreten Vorfall richtig, funktioniert im Kontext Ihrer Kolumne aber wie eine Entlastungsformel für die Partei insgesamt. Genau in der Bundestagsdebatte, auf die sich der Vorfall letztlich bezieht, wiesen Abgeordnete von SPD und Linke darauf hin, dass die AfD selbst seit Jahren mit Lügenpresse-Rhetorik und Angriffen auf einzelne Journalistinnen wie Dunja Hayali ein Klima befördert, das schwer mit der jetzt eingeforderten Solidarität zusammenpasst. Wer über die Verantwortung für Angriffe auf Journalisten schreibt, sollte diese Asymmetrie mitdenken, statt sie durch einen einzelnen Nebensatz stillschweigend zu klären.

Das mindert nicht die Berechtigung Ihrer generellen Beobachtung, dass Pressefreiheit von vielen Seiten unter Druck steht, von Gesetzen zum Politikerschutz bis zur Chatkontrolle. Aber gerade weil Ihre Kolumne diese Breite für sich beansprucht, hätte sie an der einen Stelle, wo es um die AfD geht, genauer sein müssen.

Mit freundlichen Grüßen

Wenn Zustimmung zur Relativierung wird

Lucas Wiegelmann verteidigt Steinmeiers Warnung vor der AfD, tut das aber mit rethorischer Volte, nämlich indem er die Gefahr selbst zur Ansichtssache erklärt.

Lucas Wiegelmanns Kommentar zum ZDF-Sommerinterview mit Frank-Walter Steinmeier liest sich zunächst wie eine überraschend klare Positionierung. Der Bundespräsident habe angedeutet, ein Teil der Wählerschaft wähle „gegen das System der Demokratie“, und genau das dürfe, ja müsse er sagen. Für einen Meinungstext in einer Regionalzeitung ist das eine deutliche Ansage. Beim zweiten Lesen zeigt sich allerdings, wie der Text zu diesem Schluss kommt, und dieser Weg trägt weniger, als die Überschrift verspricht.

Der entscheidende Satz lautet, ob das Erstarken der AfD die Demokratie wirklich gefährde, darüber gingen die Meinungen „naturgemäß“ auseinander. Dieses eine Wort verschiebt die ganze Debatte. Ob eine Partei den Rechtsstaat bedroht, ist keine Frage des persönlichen Geschmacks, sondern eine Frage, die sich an Fakten prüfen lässt. Mehrere AfD-Landesverbände sind vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft, der Bundesverband als Verdachtsfall. Björn Höcke wurde wegen der Verwendung einer verbotenen SA-Parole rechtskräftig verurteilt. Diese Dinge sind dokumentiert und justiziell festgestellt. Sie zur Meinungsfrage zu erklären, verwandelt eine belegbare Einstufung in ein Gefühl.

Genau in diesem Rahmen entfaltet sich dann die eigentliche Volte. Wiegelmann schreibt am Ende, wenn selbst der Bundespräsident die Gefahr teile, dann dürfe er die Bevölkerung nicht nur informieren, er müsse es. Das klingt nach einem starken Bekenntnis. Es ist aber eine bedingte Aussage. Die Bedingung selbst, nämlich ob die Gefahreneinschätzung zutrifft, wird nirgends geprüft, sondern schlicht der Meinung des einzelnen Lesers überlassen. Damit kann der Text sich als Verteidiger von Steinmeiers Recht auf Warnung präsentieren, ohne inhaltlich Stellung zu beziehen, ob diese Warnung berechtigt ist. Zustimmung und Zurückhaltung fallen in einem Satz zusammen.

Aufschlussreich ist außerdem, wie unterschiedlich der Text mit seinen beiden Gegenständen umgeht. Steinmeiers persönliche Schwächen, die kostspielige Sanierung seines Amtssitzes, das Eigenlob über die vorausgesagte Anfälligkeit für den Trumpismus, werden mit spürbarer Lust an der Zuspitzung seziert. Sobald es aber um die AfD geht, wechselt der Ton in den vorsichtigen Konjunktiv und die offene Debatte. Diese Asymmetrie ist kein Zufall. Harte Urteile fallen leicht, wenn es um Stilfragen und persönliche Eitelkeiten geht. Sobald die inhaltliche Einordnung einer rechtsextremen Partei ansteht, wird plötzlich abgewogen, relativiert, „naturgemäß“ verschiedenen Meinungen Raum gegeben.

Am Ende bleibt ein Text, der sich als Rückendeckung für einen mutigen Bundespräsidenten liest, tatsächlich aber die Gefahr, vor der dieser warnt, in den Bereich der reinen Auffassungssache verschiebt. Wer eine belegbare Einstufung zur Ansichtssache erklärt, verteidigt am Ende weniger, als er behauptet zu verteidigen.

Vermutet, aber schon verurteilt. Wie die NOZ einen offenen Ermittlungsfall zur politischen Kampfansage macht.

Bahnsabotage bei Leverkusen. Die Polizei ermittelt noch, ob das Bekennerschreiben echt ist. Die NOZ lässt trotzdem NRW-Innenminister Reul schon von „Chaoten“ sprechen, die „Politik durch Gewalt ersetzen“ wollen. Konjunktiv im Text, Urteil in der Überschrift.

Hallo NOZ,

der Artikel „Reul: Diese Menschen wollen Chaos“ zur mutmaßlichen Bahnsabotage bei Leverkusen übernimmt eine dpa-Meldung, die selbst noch von Vermutungen spricht, aber schon wie ein abgeschlossener Fall klingt.

Im Text selbst steht mehrfach der Konjunktiv. Die Polizei Köln ermittelt noch, „ob das Bekennerschreiben authentisch sei“. Zur Brandursache heißt es nur, ein technischer Defekt gelte als „wenig wahrscheinlich“. Das ist ein offener Ermittlungsstand, keine Bestätigung.

Trotzdem bekommt NRW-Innenminister Herbert Reul den größten Raum im Artikel, und zwar mit einer fertigen politischen Bewertung. Er spricht von „Chaoten“, die „keine bessere Welt“ wollten, sondern „Politik durch Gewalt ersetzen“. Eine Gegenstimme, eine unabhängige Einordnung oder auch nur der Hinweis, dass solche Ermittlungen oft lange unaufgeklärt bleiben, kommt im Text nicht vor.

Auffällig ist auch die schnelle politische Zuordnung. Ein Bekennerschreiben auf einer linken Plattform reicht aus, damit ein Innenminister im selben Artikel bereits von einer Gruppe spricht, „die Politik durch Gewalt ersetzen“ wolle. Bei anderen Themen, etwa der Einstufung der AfD durch den Verfassungsschutz, ist deutlich mehr Zurückhaltung bei klaren Begriffen zu beobachten.

Ein offener Ermittlungsstand verdient eine offene Darstellung. Wenn ein Minister schon vor Abschluss der Ermittlungen eine politische Kampfansage formuliert, sollte eine Zeitung das einordnen, nicht einfach weiterreichen.

Mit freundlichen Grüßen

Arbeitskosten zuerst, Patienten zuletzt

Tobias Schmidt lobt in der NOZ die Gesundheitsreform und verrät im selben Satz, worum es wirklich geht: „Arbeitskosten“. Von 40 Mrd geplanten Einsparungen blieben 16, Pharma und Kliniken kamen glimpflich davon. Zahlen tun die Versicherten

Hallo NOZ, hallo Herr Schmidt,

Ihr Kommentar zur Gesundheitsreform enthält einen Satz, der viel verrät. Sie schreiben, die Reform solle verhindern, dass „die Beiträge und damit die Arbeitskosten nicht immer weiter steigen“. Damit benennen Sie ungewollt die eigentliche Prioritätensetzung dieses Sparpakets. Es geht zuerst um Lohnnebenkosten, erst danach um die Versorgung der Patienten.

Ein Blick auf die einzelnen Maßnahmen bestätigt diesen Eindruck. Zuzahlungen für Medikamente steigen von bisher 5 bis 10 Euro auf künftig 7,50 bis 15 Euro. Der Festzuschuss für Zahnersatz sinkt von 60 auf 50 Prozent. Wer seinen Partner beitragsfrei mitversichern will, zahlt ab 2028 einen Aufschlag von 2,5 Prozent. Das sind reale Belastungen für Versicherte, keine abstrakten Verwaltungsposten.

Gleichzeitig zeigt der begleitende dpa-Bericht, wie stark die eigentlich vorgesehenen Einschnitte bei Pharmaindustrie und Kliniken zusammengeschrumpft sind. Von 40 Milliarden Euro, die die Expertenkommission ursprünglich vorschlug, blieben am Ende 16 Milliarden übrig. Wer in dieser Größenordnung verhandelt hat und wessen Lobbyarbeit dabei erfolgreich war, lässt sich unschwer erahnen.

Die taz-Kollegin Manuela Heim beschreibt in ihrem Kommentar zum gleichen Gesetz eine Reform im Krisenmodus, mit Änderungen bis zur letzten Minute, bei der selbst versierte Gesundheitspolitiker den Überblick verloren. Diese Einordnung wirkt deutlich näher an der Realität als Ihre Zustimmung zum Ergebnis.

Wer ein Sparpaket vor allem mit Blick auf Arbeitskosten rechtfertigt, sollte offen benennen, wer am Ende zahlt. In diesem Fall sind das vor allem Versicherte mit Zuzahlungen, Zahnersatzkosten und wegfallenden Familienmitversicherungen, während die ursprünglich stärker geplanten Einschnitte bei Pharma und Kliniken auf dem Verhandlungsweg verschwunden sind.

Mit freundlichen Grüßen

Ferrari-Verzicht und Kupplungsverschleiß: Wie die NOZ Ulf Poschardt in Watte packt

Ein Homestory-Format macht aus Provokation Stil, und aus einem Wutbürger einen sympathischen Paradiesvogel. Warum das journalistisch ein Problem ist.

Hallo NOZ, hallo Herr Benedict,

Ihr Porträt über Ulf Poschardt liest sich streckenweise wie eine Modestrecke mit journalistischem Anstrich. Sneaker-Marken, Sonnenbrillen-Segmente, der Verschleiß der Ferrari-Kupplung. All das erfährt der Leser in großer Ausführlichkeit. Was in dieser Detailfülle untergeht, ist eine ernsthafte Einordnung dessen, wofür Poschardt öffentlich steht.

Wenn ein Zitat wie „Entschleunigungsspasti“ kommentarlos im Fließtext steht, ist das keine neutrale Wiedergabe. Es ist eine stillschweigende Normalisierung. Genau hier hätte der Text ansetzen müssen, denn abwertende Sprache gegenüber Menschen mit Behinderung verdient eine Einordnung, keine Zierde im Porträt eines „Wutbürgers“.

Auch die Bezugnahme auf Javier Milei wird nur als originelle Zuspitzung präsentiert. Dass sich ein deutscher Journalist rhetorisch bei einem Staatschef bedient, der politische Gegner pauschal als „voller Scheiße“ bezeichnet, ist mehr als ein Stilmittel. Es zeigt eine Angleichung an autoritäre Diskursformen, die eine Zeitung benennen sollte, statt sie unwidersprochen zu zitieren.

Am deutlichsten wird das Problem im letzten Absatz. Die entscheidende Frage, ob Poschardt Radikalisierung befeuert oder nur kanalisiert, wird gestellt, aber nicht beantwortet. Stattdessen überlässt der Text die Antwort Poschardt selbst, der sich mit dem Verweis auf das Grundgesetz freispricht. Das ist keine journalistische Einordnung, das ist eine Bühne.

Ein Hausbesuch darf unterhaltsam sein. Er darf aber nicht zur Ästhetisierung eines Mannes werden, dessen Kernbotschaft in Verächtlichmachung besteht.

Mit freundlichen Grüßen

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