Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Schlagwort: NOZ (Seite 6 von 21)

Wenn die Reportage über Danger Dans Auftritt die Meinung von neulich fortsetzt

Ebert berichtet von Danger Dans Live-Premiere, mit feinen Spitzen gegen das Publikum und einer Stimme pro Künstler gegen zwei kritische Einordnungen, darunter der steile Vorwurf möglicher Volksverhetzung. Nach seinem eigenen Verriss fünf Tage zuvor wenig überraschend.

Fünf Tage nach seinem Verriss von „Keine Angst“ berichtet Philipp Ebert von der ersten Live-Aufführung des Liedes in Berlin. Als Reportage getarnt, trägt der Text jedoch deutliche Spuren der bereits bezogenen Position.

Kleine Seitenhiebe wie der Hinweis auf das benutzte Deo im Publikum oder die Bemerkung zur geringen Zahl an „Person of Colour“ im Saal tragen nichts zum Verständnis des Abends bei. Sie funktionieren als leise Häme, ohne dass eine offene Bewertung nötig wäre.

Bei den eingeholten Einordnungen am Textende fällt zudem die Gewichtung auf. Eine Stimme stützt die Position von Danger Dan, zwei Stimmen stützen die ZDF-Entscheidung oder gehen sogar weiter. Besonders bemerkenswert ist der Hinweis auf eine mögliche Volksverhetzung durch Hass gegen Menschen mit rechtsextremer Ideologie, eine steile Einordnung, die im Text unkommentiert bleibt.

Wer fünf Tage zuvor bereits eine klare Meinung veröffentlicht hat, sollte bei der folgenden Berichterstattung besonders auf Ausgewogenheit achten. Genau das gelingt hier nicht.

Reiches Kompromiss und die Frage, die die NOZ nicht stellt

Warum die aus der Gaswirtschaft kommende Wirtschaftsministerin Katherina Reiche zuerst einen radikalen Kürzungsplan für Solar und Wind vorlegte, bevor sie zurückruderte, und was Tobias Schmidt in der NOZ dabei übersieht.

Hallo NOZ, hallo Herr Schmidt,

Ihr Kommentar zu Katherina Reiches Energiewende-Kompromiss lobt eine Ministerin für Nachgeben, ohne zu fragen, warum sie überhaupt so weit vorgeprescht war, dass jetzt zurückgerudert werden musste. Das ist keine Analyse, sondern Applaus für eine Verhandlungstaktik, deren Ausgangspunkt selbst das eigentliche Problem war.

Was in Ihrem Text komplett fehlt, ist Reiches berufliche Herkunft. Bis zu ihrem Amtsantritt 2025 war sie Vorstandsvorsitzende der Westenergie AG, einer E.ON-Tochter und einem der größten Gasnetzbetreiber Deutschlands. Sie kommt nicht zufällig aus der Gaswirtschaft in dieses Ministerium, sie hat dort ihre gesamte jüngere Karriere verbracht. Wer aus einem solchen Umfeld heraus als erstes einen kompletten Förderstopp für private Solaranlagen und eine Kompensationskürzung für Windkraft vorschlägt, verdient bei diesem Vorschlag mindestens die Nachfrage, wessen Interessen da eigentlich bedient werden sollten. Genau diese Nachfrage stellen Sie nicht.

Stattdessen wird der Rückzug vom Maximalvorschlag als Zeichen von Kompromissfähigkeit gefeiert. Dabei war der ursprüngliche Plan kein Verhandlungsangebot, das man abschleift, sondern ein Vorstoß, der erst durch öffentlichen Widerstand, unter anderem sogar von Markus Söder, zurückgestutzt wurde. Wer hier „okay“ sagt, lobt eine Ministerin dafür, dass sie ihre eigene Bremse nur teilweise gezogen hat.

Der Text erwähnt sogar selbst, dass die Netze unter Solarboom-Stress stehen, zieht daraus aber nicht die naheliegende Konsequenz. Wenn Strom nicht ankommt, weil Leitungen fehlen, ist die Antwort Netzausbau, nicht Bremsung der Erzeugung. Diese Verschiebung von einem Infrastrukturversäumnis auf die erneuerbaren Energien selbst ist ein bekanntes Muster politischer Verzögerung, keine neutrale Beobachtung.

Der Vorwurf „Gaslobbyistin“ wird in Ihrem Kommentar zwar erwähnt, aber mit einem Nebensatz abgetan, ohne ihn an den konkreten politischen Entscheidungen zu prüfen. Genau das wäre journalistisch die Aufgabe gewesen.

Mit freundlichen Grüßen

Trauerrede mit Lücken: Was die NOZ am Fall Spahn lieber nicht erwähnt

NOZ-Meinung zu Spahns Rücktritt (Tobias Schmidt), Ausnahmepolitiker, enorme Fähigkeiten, aber kein Wort zu Maskenaffäre, Krankenkassen-Rücklagen, Villa, Peter-Thiel-Kontakten. Und der naheliegende Vergleich zu Hendrik Streeck (im April, gleicher Weg) fehlt komplett.

Tobias Schmidt eröffnet seinen Meinungstext zu Jens Spahns Rücktritt vom Unionsfraktionsvorsitz mit einem Ausrufezeichen: „Das war’s!“ Was folgt, ist auf den ersten Blick keine reine Lobeshymne, Schmidt benennt die Heuchelei beim Thema Leihmutterschaft klar und zieht die Parallele zum Leipziger Spendendinner während der Corona-Zeit. So weit, so berechtigt.

Aber genau an dieser einen Heuchelei-Volte bleibt der Text auch stehen. Der Rest der Bilanz, die Schmidt zieht, liest sich wie ein Nachruf auf einen glanzvollen Staatsmann: „Ausnahmepolitiker“, „enorme Fähigkeiten“, „eines der wenigen Kraftzentren dieser Koalition“, ein Mann, der „irgendwann Kanzler werden“ wollte.

Was in dieser Bilanz fehlt, ist auffällig konsistent, kein Wort zu den Milliardenschäden aus der Maskenaffäre, kein Wort dazu, dass Spahn als Gesundheitsminister die Rücklagen der Krankenkassen abschmelzen ließ, um Beitragserhöhungen politisch zu vermeiden, kein Wort zur Villa in Berlin-Dahlem, kein Wort zu den Kontakten zu Peter Thiel. Das sind keine Randnotizen, sondern die Punkte, an denen sich Spahns Amtsführung seit Jahren öffentlich misst.

Noch auffälliger ist eine zweite Leerstelle. Schmidt verhandelt den Fall komplett als singuläre Personalie, „seine politische Karriere“, „seine Fehler“, „seine Schwäche“. Dabei ist Spahn nicht einmal der einzige CDU-Politiker, der in diesem Jahr über eine Leihmutter in den USA Vater wurde. Hendrik Streeck und sein Ehemann Paul Zubeil hatten das bereits im April öffentlich gemacht, ebenfalls über eine Leihmutter in Idaho. Andere Medien haben diesen Vergleich gezogen, t-online etwa stellte fest, dass Streeck sich, anders als Spahn, nie öffentlich gegen Leihmutterschaft positioniert hatte, was den Fall Streeck von der Heuchelei-Frage entlastet. Genau dieser Kontrast wäre für Schmidts eigene Argumentation naheliegend gewesen. Er fehlt komplett.

Der Text produziert eine Verengung der Debatte auf Spahns private Doppelmoral bei einem einzelnen Thema, und blendet damit sowohl seine ministerielle Bilanz als auch den einordnenden Vergleichsfall aus, der die eigene Heuchelei-These entweder gestützt oder relativiert hätte. Wer eine Bilanz zieht, sollte auch die unbequemen Posten mitrechnen.

Der Song von Danger Dan „Keine Angst“, viele Lesarten, nur eine bei der NOZ

Ebert nennt Danger Dans „Keine Angst“ ein Manifest der Selbstgerechtigkeit und den ZDF-Rückzieher „Ehrenrettung“. Dass die eigenen „Anstalt“-Macher das „mutlos“ nannten und der Song auch als Mut-Mach-Lied gelesen wird, fehlt komplett.

Hallo NOZ, hallo Herr Ebert,

Ihr Kommentar zu Danger Dans Song „Keine Angst“ wirkt auf den ersten Blick wie eine klare moralische Einordnung. Bei genauerem Lesen zeigt sich aber vor allem eines, nämlich wie selektiv diese Einordnung ausfällt.

Sie zitieren die schärfste Textpassage des Songs isoliert und leiten daraus einen pauschalen Gewaltaufruf ab. Was fehlt, ist der Rest des Liedes. Weite Teile beschreiben niedrigschwelliges Engagement wie gemeinsames Reden, kleine Solidaritätspartys, das Ansprechen rassistischer Sprüche auf Familienfeiern. Andere Medien haben genau diese Ebene des Songs herausgearbeitet und den Song vor allem als Ermutigung gegen die eigene Ohnmacht gelesen. Diese Lesart erwähnen Sie mit keinem Wort.

Auffällig ist auch Ihre Formulierung, der Rückzieher des ZDF sei „ein Stück Ehrenrettung“. Die Redaktion von „Die Anstalt“ selbst nannte die Entscheidung des Senders „mutlos“ und distanzierte sich öffentlich davon. Dass ausgerechnet diese interne Kritik am eigenen Sender in Ihrem Text nicht vorkommt, wirkt bei einem Kommentar zur Pressefreiheit und journalistischen Verantwortung nicht ganz vollständig.

Ein Kommentar darf pointiert sein. Er sollte aber kenntlich machen, dass es zu diesem Song mehrere ernstzunehmende Lesarten gibt, und nicht nur die eigene als selbstverständlich voraussetzen.

Mit freundlichen Grüßen

Unspektakulär und gut so? Wie die NOZ den historischen Tiefstand von Merz als Reifeprozess verkauft.

NOZ feiert Merz „unspektakulären“ Auftritt als Reifeprozess, und verschweigt dabei den aktuellen Deutschlandtrend: 13% Zustimmung, neuer Tiefstand. Ob „vorsichtiger“ wirklich Reife bedeutet oder einfach fehlender Spielraum ist, bleibt unerwähnt.

Matti Gerstenlauers Meinungsbeitrag zu Friedrich Merz zweiter Sommerpressekonferenz zeichnet das Bild eines Kanzlers, der aus Fehlern gelernt hat, weniger vollmundige Versprechen, mehr Vorsicht, mehr Disziplin. „Unweigerlich auch erfahrener in der Rolle des Regierungschefs“, so das Fazit.

Was in diesem Text komplett fehlt, ist eine Zahl. Der aktuelle ARD-DeutschlandTrend (Juli 2026) sieht nur 13 Prozent der Wahlberechtigten wohlwollend gegenüber Merz, ein neuer Tiefstand seit seinem Amtsantritt, drei Punkte schlechter als im Vormonat. Die Union fällt zeitgleich auf 22 Prozent, ihren niedrigsten Wert seit November 2021, während die AfD unverändert bei 27 Prozent liegt.

Diese Zahlen tauchen im Artikel nicht auf. Nicht als Randnotiz, nicht als Einordnung, nicht als Gegengewicht zur Lobrede. Ein Leser, der nur diesen Text kennt, bekäme den Eindruck einer Regierung im leisen Aufwind, nicht einer, die einen historischen Vertrauensverlust verwaltet.

Das wirft eine Frage auf, die der Text nicht stellt. Ist das vorsichtigere, zurückhaltendere Auftreten wirklich ein Zeichen von Reife,oder eher Ausdruck fehlender Handlungsspielräume? Ein Kanzler, der bei 13 Prozent Zustimmung wenig zu verlieren, aber auch wenig zu gewinnen hat, könnte aus schlichter Erschöpfung leiser auftreten, nicht aus strategischer Weisheit. Diese Lesart lässt sich (anders als Gerstenlauers „lernendes System“-These) aus dem Text selbst nicht widerlegen, weil er die Ausgangslage schlicht nicht benennt.

Bezeichnend auch die Übernahme von Merz‘ Selbstbeschreibung als „lernendes System“ als Zwischenüberschrift, ohne den Begriff kritisch zu hinterfragen oder in Anführungszeichen zu setzen. Wer die Selbstdeutung des Kanzlers unkommentiert zur redaktionellen Kategorie macht, übernimmt dessen Rahmung, statt sie zu prüfen.

Der Text ist keine Falschdarstellung. Er ist eine Auslassung, und Auslassungen sind, wie wir bei nozblog.com immer wieder dokumentieren, oft die wirksamste Form von Framing

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