Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Schlagwort: NOZ (Seite 6 von 27)

Von Kreml-Kompromissen zu Trump als Vernunftstimme, ein Jahr Clasen bei der NOZ

Ein Kommentar allein ist eine Meinung. Sieben Belege über anderthalb Jahre sind ein Muster.

Wer die Texte von Michael Clasen in der NOZ chronologisch nebeneinanderlegt, erkennt eine Linie, die sich seit Februar 2025 kaum verändert hat.

Februar 2025. In einem frühen Kommentar wirft Clasen der Ukraine sinngemäß vor, für den fehlenden Frieden mitverantwortlich zu sein, während er Trumps Aussagen unkommentiert übernimmt. Der Vorwurf der Spiegelung Kreml-naher Narrative steht hier zum ersten Mal im Raum.

Juni 2025. Unter der Überschrift „Europa kann Putin nicht besiegen“ behauptet Clasen, der Krieg sei militärisch nicht zugunsten der Ukraine zu entscheiden. Der Ukraine wirft er vor, mit ihrer Forderung nach territorialer Integrität „Not und Elend zu verlängern“. Das ist eine klassische Täter-Opfer-Umkehr, formuliert in eigener Kommentarstimme, nicht als wiedergegebenes Fremdzitat.

August 2025. Im Kommentar „Was wollen Merz und Selenskyj?“ wird die Linie noch deutlicher. Clasen schreibt, Russland werde „über kurz oder lang“ gewinnen, und fordert von der Ukraine, russische „Sicherheitsbelange“ zu berücksichtigen und auf Krim sowie besetzte Gebiete zu verzichten. Das kommt einer Kapitulationsforderung an das angegriffene Land nahe.

September 2025. Beim Attentat auf Charlie Kirk bezeichnet Clasen Trump und Kirk als „ultra-konservative Aktivisten“ statt sie als Figuren der radikalen Rechten einzuordnen. Beide werden vor allem als Opfer von Cancel Culture dargestellt, ihre eigene Rolle bei der gesellschaftlichen Spaltung bleibt unbenannt.

Mai 2026. Im Interviewformat „Clasen Talk“ lädt Clasen den früheren Nato-General Harald Kujat ein, der seit 2022 als Verbreiter russlandnaher Narrative bekannt ist. Kujats These, die Ukraine habe die Nato aktiv provoziert, bleibt unwidersprochen im Raum stehen, ebenso eine seit Jahren unbestätigte Anekdote über einen angeblichen Vorfall bei einem Raketeneinschlag auf polnischem Boden 2022.

August 2026. Im selben Format kommt der BSW-Politiker Michael von der Schulenburg zu Wort. Seine Behauptung, die Ukraine sei auf 22 Millionen Einwohner geschrumpft, tatsächlich gehen aktuelle UN-Schätzungen von 36 bis 43 Millionen aus, bleibt ebenso unkorrigiert wie die Aussage, der Krieg sei bereits verloren.

September 2026. Im aktuellen Kommentar zum Drohnenanschlag von Leipzig behauptet Clasen, Deutschland habe „nichts in der Hinterhand“. Zwei Seiten weiter listet die eigene Redaktion fünf konkrete Gegenmaßnahmen auf. Die vertraute Bewegung wiederholt sich, Schuld benennen, dann zur Kompromissbereitschaft mit dem Täter aufrufen. Trump erscheint erneut als die Stimme der Vernunft.

Was sich daraus ergibt

Über sieben belegbare Fälle hinweg zeigt sich ein doppeltes Muster. Zum einen die wiederkehrende Verschiebung von Verantwortung, weg vom Aggressor, hin zum angegriffenen Land oder zu diffusen äußeren Umständen. Zum anderen eine durchgehend wohlwollende Rahmung von Trump, der als besonnen oder tatkräftig erscheint, während Europa als zaudernd gilt.

Ein Kommentator, der wiederholt in eigener Stimme Kompromisse mit einem Angriffskrieg führenden Staat fordert und dabei ausgewählte Interviewgäste mit widerlegbaren Thesen unwidersprochen lässt, betreibt keine Meinungsvielfalt. Er betreibt eine redaktionelle Linie mit Wiederholungscharakter.

Gegen Russland nichts in der Hinterhand? Clasen NOZ-Kommentar widerlegt sich selbst

Zwei Seiten weiter listet die eigene Redaktion fünf Vergeltungsmaßnahmen auf. Und der Aufruf zu Kompromissen mit dem benannten Täter ist bei Clasen kein neuer Ton, sondern eine Linie, die sich bis Februar 2025 zurückverfolgen lässt.

Hallo NOZ, hallo Herr Clasen,

Ihr Kommentar „Deutschland hat nichts in der Hinterhand“ widerspricht sich selbst, und zwar innerhalb derselben Ausgabe. Zwei Seiten weiter listet Ihre eigene Redaktion fünf konkrete Vergeltungsmaßnahmen der Bundesregierung auf, die Schließung des russischen Generalkonsulats in Bonn, die Kündigung des Vertrags über das Russische Haus, neue EU-Sanktionslistungen, verschärfte Einreisekontrollen sowie erhöhten Druck auf die russische Schattenflotte, dazu nachrichtendienstliche Maßnahmen. Wer behauptet, man habe „nichts in der Hinterhand“, ignoriert die eigene Berichterstattung.

Noch auffälliger ist die argumentative Bewegung direkt danach. Sie ordnen den Drohnenanschlag klar Russland zu, das folgt der Linie der Bundesregierung. Im nächsten Atemzug fordern Sie dann Kompromiss- und Gesprächsbereitschaft gegenüber genau diesem Akteur. Erst die Schuld benennen, dann relativieren.

Das ist kein neuer Ton bei Ihnen. Bereits im Februar 2025 warfen Leser Ihnen vor, Trumps Aussagen zu spiegeln und die Schuld am fehlenden Frieden dem überfallenen Land zuzuschieben. Im Juni 2025 schrieben Sie, Europa könne Putin nicht besiegen, und warfen der Ukraine vor, mit der Forderung nach ihrer territorialen Integrität „Not und Elend zu verlängern“. Im August 2025 forderten Sie explizit, die Ukraine solle russische „Sicherheitsbelange“ berücksichtigen und auf Krim und besetzte Gebiete verzichten. Das ist über anderthalb Jahre dieselbe Linie, nur die Anlässe wechseln.

Auch die Prognose, die Ukraine werde diesen Krieg „mit großer Wahrscheinlichkeit“ nicht gewinnen, wird ohne Beleg oder Gegenstimme als Tatsache präsentiert, obwohl es sich um eine politische Einschätzung handelt.

Dass Donald Trump als jemand dargestellt wird, der „erinnern muss, wie sinnlos dieser Krieg im Donbass ist“, passt ebenfalls ins Bild. Schon beim Attentat auf Charlie Kirk bezeichneten Sie Trump und Kirk als „ultra-konservative Aktivisten“ statt sie einzuordnen, und rahmten beide vor allem als Opfer.

Auch im Format „Clasen Talk“ wiederholt sich das Muster. Sowohl der frühere Nato-General Harald Kujat als auch der BSW-Politiker Michael von der Schulenburg durften dort mit teils widerlegbaren, russlandnahen Thesen unwidersprochen zu Wort kommen, von der Täter-Opfer-Umkehr bei der Kriegsursache bis zu falschen Bevölkerungszahlen der Ukraine.

Ein einzelner Kommentar mag eine Meinung sein. Sieben Belege über anderthalb Jahre, in eigener Stimme und in ausgewählten Interviewgästen, sind ein Muster.

Mit freundlichen Grüßen

Kritisch, transparent, menschlich? – Die NOZ lässt Poschardt über Frisuren richten

NOZ lässt Poschardt (Welt-Herausgeber, Vance-Fan, Musk-Verehrer) unkommentiert über Politiker-Looks richten, inkl. Abwertung von Reichinneks Look als „linksradikal“. Direkt daneben finden wir die NOZ-Eigenwerbung „Kritisch. Transparent. Menschlich.“ Die Ironie schreibt sich von selbst.

Am 31.08.2026 druckt die NOZ auf Seite 23 (Rubrik „Leute“) ein Interview von Daniel Benedict mit Ulf Poschardt, der dort die Mode deutscher Spitzenpolitiker kommentiert. Direkt daneben, auf derselben Seite: eine NOZ-Eigenanzeige mit dem Slogan „Kritisch. Transparent. Menschlich.“, Selbstbeschreibung der Redaktion.

NOZblog

Wer hier zu Wort kommt, bleibt uneingeordnet

Was im Interview fehlt, ist jede Einordnung von Poschardts publizistischer Rolle. Laut einer Recherche von journalist.de gehört Poschardt zu den Springer-Köpfen, die sich mehrfach mit rechten und autoritären Positionen solidarisch gezeigt haben. Er fand lobende Worte für J.D. Vances Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz, in der Vance den europäischen Demokratien fehlende Meinungsfreiheit unterstellte. Bereits 2023 feierte er Elon Musk in einem Kommentar mit dem Titel, der Musk als Sieger der Freiheit über die „Woke Kultur“ inszenierte. Sein Essay-Buch gegen ein von ihm so benanntes „Shitbürgertum“ musste er im Selbstverlag veröffentlichen, weil es dem Verlag zu polemisch war.

Von alldem kein Wort in der NOZ. Poschardt tritt als amüsanter Stilexperte auf, nicht als ideologisch verorteter Akteur.

Die Ideologie steckt im Interview selbst

Auch inhaltlich ist die vermeintlich unpolitische Mode-Rubrik nicht neutral. Während Klingbeil und Kubicki wohlwollend-launig beschrieben werden, wird Heidi Reichinnek über ihr Aussehen politisch abgewertet, ihr Look wird als wenig elegant und als durchschaubares linksradikales Image-Projekt dargestellt. Politische Distanzierung, verpackt als Stilkritik.

Die Lücke

Das Ergebnis ist eine Zeitung, die sich auf derselben Seite als „kritisch, transparent, menschlich“ bewirbt, und einen publizistisch vorbelasteten Akteur unwidersprochen und uneingeordnet über das Erscheinungsbild von Politikerinnen und Politikern urteilen lässt, inklusive impliziter politischer Wertung. Das ist offensichtlich eine Kontextualisierungslücke. Die NOZ hätte die Möglichkeit gehabt, Poschardts Position einzuordnen, und hat es nicht getan.

Bärbel Bas: Kein Knallfrosch, sondern eine berechtigte Frage

Warum Wiegelmanns Spott über Bärbel Bas in der NOZ an der Versorgungsforschung vorbeigeht und die Attestpflicht ab Tag eins fachlich alles andere als eine ausgemachte Sache ist.

Hallo NOZ, hallo Herr Wiegelmann,

Ihr Kommentar zu Bärbel Bas‘ Vorstoß gegen die Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag stellt die Sache als bloßen Koalitionsstreit um eine Marginalie dar. Diese Einordnung übersieht, dass es fachlich durchaus gute Gründe gibt, die geplante Regelung kritisch zu sehen.

Der Versorgungsforscher Achim Mortsiefer von der Universität Witten/Herdecke hat bereits im Juli darauf hingewiesen, dass eine Attestpflicht ab Tag eins vor allem den organisatorischen Aufwand erhöht, ohne dass der Effekt auf den Krankenstand gesichert wäre. Praxen würden zusätzlich belastet, während Patientinnen und Patienten, die wirklich ärztliche Hilfe brauchen, länger warten müssten. Auch die bewährte telefonische Krankschreibung, für die laut Mortsiefer keine Hinweise auf systematischen Missbrauch vorliegen, soll wegfallen.

Der Verweis auf die Niederlande zeigt zudem, dass strengere Nachweispflichten kein Naturgesetz für einen niedrigeren Krankenstand sind. Dort können sich Beschäftigte länger selbst krankmelden, der Krankenstand liegt trotzdem unter dem deutschen.

Vor diesem Hintergrund wirkt Ihre Zuspitzung auf einen „Knallfroschkampf“ verkürzt. Es geht nicht um symbolische Konfliktlust der SPD, sondern um eine berechtigte fachliche Nachfrage an eine Regelung, deren Nutzen selbst unter Fachleuten umstritten ist. Wer Kompromisse verteidigt, sollte auch die Substanz der Kritik daran ernst nehmen, statt sie als überflüssiges Störfeuer abzutun.

Mit freundlichen Grüßen

Brandmauer – Wenn „Einzelfälle“ zur Ausrede werden

Warum die NOZ Rupert Scholz‘ Verharmlosung der AfD im Clasen Talk ohne Einordnung durchgehen lässt, während im selben Blatt ein Wagenknecht-Interview zeigt, wie kritisches Nachfragen aussehen kann.

Hallo NOZ, hallo Frau Kanke, hallo Herr Clasen,

der Bericht über den Auftritt von Rupert Scholz im Clasen Talk gibt dessen steile Thesen wieder, ohne sie an einer einzigen Stelle mit Fakten zu konfrontieren. Das ist journalistisch zu wenig.

Wenn Scholz rechtsextreme Netzwerke in der AfD als „Einzelfälle“ abtut, hätte der Text darauf hinweisen müssen, dass genau diese Netzwerke, die völkische Ideologie führender Landesverbände und die dokumentierten Verbindungen zu gesichert rechtsextremen Gruppierungen der tragende Grund für die Einstufungen durch mehrere Landesämter für Verfassungsschutz sind. Stattdessen bleibt Scholz‘ Zweifel an dieser Einstufung („Da setze ich ein großes Fragezeichen“) unkommentiert stehen, obwohl er sich damit über eine fundierte behördliche Analyse hinwegsetzt.

Auch die Erzählung vom „entscheidenden Fehler“ der Kanzlerin Merkel 2015 als Ursprung des AfD-Erfolgs wird unwidersprochen übernommen. Das ist eine seit Jahren gängige, aber unvollständige Erklärung. Sie blendet aus, dass rechte Radikalisierung ein europaweites Phänomen ist und die AfD lange vor 2015 gegründet wurde, mit einer klaren wirtschaftsliberalen und nationalkonservativen Programmatik.

Besonders bemerkenswert ist Scholz‘ Vorschlag einer Minderheitsregierung mit fallweiser Zusammenarbeit mit der AfD. Wer als CDU-Urgestein eine kontrollierte Öffnung nach rechts fordert, verschiebt genau jene Grenze, die Parteien wie die AfD seit Jahren gezielt zu verschieben versuchen. Ein Interview-Format wie der Clasen Talk mag solche Positionen zurecht einladen, in der schriftlichen Aufbereitung braucht es dann aber Einordnung, keine bloße Wiedergabe.

Zum Vergleich, im Interview mit Sahra Wagenknecht auf Seite 4 derselben Ausgabe fragt Matti Gerstenlauer sehr direkt nach der AfD-Nähe ihrer Blockadepolitik. Genau diese Hartnäckigkeit hätte auch dem Scholz-Beitrag gutgetan.

Mit freundlichen Grüßen

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