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Riepes Maßstäbe: Audi, BMW und die Gleichmacherei ungleicher Fälle

Louisa Riepe wirft den Kritikern von Audi-Chef Döllner doppeltes Maß vor. Empörung über den Auftritt mit Trump, Zustimmung für BMWs Rückzug eines Leasingangebots für den AfD-Landtagspräsidenten. Ihr Rezept, den eigenen „politischen Kompass“ draußen lassen. Was diese Symmetrisierung leistet, und was sie verschweigt.

Louisa Riepe hat zwei Nachrichten gelesen und ein Muster entdeckt. Auf der einen Seite, Audi-Chef Gernot Döllner steht bei einer Wahlkampfveranstaltung von Donald Trump auf der Bühne und kündigt dort ein Milliardenwerk in Georgia an. Empörung. Auf der anderen Seite, BMW zieht das Leasingangebot für den Dienstwagen des sachsen-anhaltischen Landtagspräsidenten Tobias Rausch (AfD) zurück. Zustimmung. Das, so Riepe, sei „irritierend“, und Anlass für eine Kolumne mit vier Maßstäben, die mündet in die Frage: „Würden wir genauso urteilen, wenn die politischen Vorzeichen vertauscht wären?“

Der Befund, dass Unternehmen nach konsistenten Maßstäben bewertet werden sollten, ist unstrittig. Die Argumentation aber lohnt einen zweiten Blick.

Die Gleichsetzung, die nicht trägt. Riepe stellt zwei Vorgänge als Spiegelbilder gegenüber. „Der Audi-Chef steht mit Trump auf der Bühne. Empörung. BMW zieht ein Leasingangebot für einen AfD-Politiker zurück. Zustimmung.“

Das ist ein starker Satz. Zu stark.

Denn die beiden Handlungen liegen nicht in derselben Kategorie. Döllner trat öffentlich, im Rahmen einer Wahlkampfveranstaltung, neben einem Präsidenten auf, dessen Rede die VW-Betriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo so zusammenfasste: „Etliche Minuten voller Rassismus, Sexismus, Fremdenhass, Transphobie, Verächtlichmachung der Demokratie, und dann tritt einer unserer obersten Konzern-Repräsentanten auf die Bühne und betreibt aktive Wahlkampfhilfe.“ BMW dagegen zog (ob politisch motiviert oder nicht, das ist bis heute ungeklärt) still einen Business-to-Business-Vertrag zurück, ohne jede öffentliche Erklärung, ohne Bühne, ohne Botschaft.

Der eine Fall ist ein aktives, öffentliches Signal. Der andere ist die Abwesenheit eines Signals. Wer beides als „Haltung“ desselben Kalibers behandelt, hat die Fälle nicht verglichen, sondern gleichgeschaltet. Riepes Vorwurf des doppelten Maßstabs setzt voraus, dass beide Vorfälle mit demselben Maß gemessen werden könnten. Genau das aber trägt nicht.

Maßstab 4: die Verschiebung von der Sache zur Gesinnung. Interessant ist, welche vier Maßstäbe Riepe anbietet. Drei davon sind prozedural: Markenkern, Trennung von Haltung und Parteipolitik, Einhaltung eigener Regeln. An Maßstab 3, dem möglichen Verstoß Döllners gegen Audis eigene Neutralitätsleitlinien, ist nichts auszusetzen, das ist der vernünftige Kern der Kolumne, und er trifft Döllner, nicht BMW.

Der vierte Maßstab aber dreht die Logik um. Riepe rahmt Kritik an Trump und die AfD als Ausdruck eines subjektiven „Kompasses“: „Wer Donald Trump ablehnt, wird den Auftritt eines deutschen Unternehmenschefs an seiner Seite kritischer betrachten. Wer die AfD ablehnt, mag es begrüßen, wenn ein Unternehmen mit ihren Vertretern keine Geschäfte machen möchte.“

Damit verschiebt sich die Debatte von der Sache auf die Gesinnung der Kritiker. Nicht mehr die Frage, ob Wahlkampfhilfe für einen autoritären Demokratiegegner oder die Abgrenzung von einer rechtsextremen Partei legitim ist, steht im Raum, sondern nur noch, ob die Urteilenden konsistent genug empört sind. Das ist eine bequeme Argumentationsfigur, sie muss sich mit keiner inhaltlichen Aussage mehr messen lassen, sie misst nur noch die Messenden.

Was der Kompass-Rahmen verschweigt. Und er verschweigt etwas Entscheidendes. Nicht alle politischen Positionen sind nur Positionen. Die AfD wird vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch bewertet. Trump hat mit der Anfechtung der Wahl 2020/21 und der offen erklärten Absicht, demokratische checks zu entkernen, Ansprüche auf Macht jenseits der Verfassung formuliert. Man kann bestreiten, dass BMWs Vorgehen die richtige Antwort war. Man kann darüber streiten, ob ein Leasingentzug das richtige Mittel gegen einen verfassungsfeindlichen Akteur ist, dem ein hohes Staatsamt zusteht. Das ist eine echte Frage, und Riepe hätte sie stellen können.

Aber Trump und die AfD als Pole eines Geschmacksurteils zu rahmen, das „besser nicht“ in die Bewertung einfließen sollte, das ist nicht Neutralität. Das ist die Normalisierung, die in der Rahmung steckt. Nicht als explizite Aussage, sondern als Effekt. Wer rechtsradikale Akteure zu einem „Vorzeichen“macht, das man gefahrlos vertauschen kann, der behandelt sie als gewöhnliche Optionen im demokratischen Wettbewerb. Genau das sind sie nicht.

Der Vorzeichen-Tausch als rhetorischer Trumpf. „Würden wir genauso urteilen, wenn die politischen Vorzeichen vertauscht wären?“ Das ist die klassische Umkehrprobe, die in konservativen Debattenbeiträgen gern als Rationalitäts-Beweis dient. Sie klingt neutral, immunisiert aber gegen jede inhaltliche Differenz. Tauscht man die Vorzeichen, tauscht man auch die Fakten: Ein „Vertauschen“ müsste bedeuten, dass ein deutscher Konzernchef bei einer Wahlkampfveranstaltung einer Partei auftritt, die den Umsturz der Verfassung propagiert. Dieses Szenario ist nicht das gespiegelte des Audi-Falls. Es ist ein anderer, viel schwererer Fall. Die Umkehrprobe funktioniert nur, wenn man die Natur der Akteure ausblendet, und genau das tut die Kolumne.

Die Asymmetrie, die auffällt. Was den Text wirklich kenntlich macht, ist nicht die methodische Sorge, sondern der Adressat. Riepes Symmetrisierung trifft nicht die, die Döllner kritisieren und BMW goutieren, sie entlastet die, die von Döllners Auftritt profitiert haben und von BMWs Rückzug getroffen wurden. Die eigentliche Frage nach konsistenten Maßstäben lautete an dieser Stelle nämlich anders herum: Warum findet die NOZ-Kolumne dort ein „doppeltes Maß“, wo andere eine Differenz sehen; zwischen aktiver Unterstützung eines Demokratiegegners und passiver Abgrenzung von einem? Und wann hat eine NOZ-Kolumne letzten Endes die umgekehrte Probe angewendet und gefragt, ob die Empörung über Linke, Klimaproteste oder „Wokeness“ mit derselben Messlatte gemessen wurde, die an AfD-Nähe angelegt wird?

Das ist keine rhetorische Fangfrage. Es ist die Messlatte, die Riepe selbst anlegt, und an der sich ihre Kolumne messen lassen muss.

Was bleibt? Dass Unternehmen an ihre eigenen Regeln gemessen werden müssen, ist richtig. Dass Döllner mit dem Auftritt gegen Audis Neutralitätsleitlinien verstoßen haben könnte, ist der legitimste Einwand der Kolumne, und er stammt nicht aus Maßstab 4, sondern aus Maßstab 3.

Aber wer zwei ungleiche Fälle gleichschaltet, Kritik an Trump und der AfD in den Raum subjektiver Befindlichkeiten verschiebt und dann die Umkehrprobe als Weisheits-Beweis serviert, der betreibt keine Einordnung. Der betreibt Symmetrisierung. Und der Effekt der Symmetrisierung ist, dass rechtsextreme Positionen gewöhnlicher werden. Was ist da passiert, Frau Riepe?

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1 Kommentar

  1. Christoph Schnare

    Für mich stehen inhaltlich zwei Fragen im Raum: darf ein Unternehmen „Haltung“ zeigen und wenn ja, ab wann muss ein Unternehmen „Haltung“ zeigen? Anders gefragt: haben Unternehmen, die in einem demokratischen Staat beheimatet sind notwendigerweise nicht immer auch eine gesellschaftliche Verantwortung oder beschränkt sich ihre Verantwortung allein auf das Erwirtschaften von kurzfristigen Gewinnen für ihre Eigentümer und Aktionäre?

    Aufgrund der Erfahrungen der Nazizeit hat die Gründungsgeneration der Bundesrepublik Deutschland den Unternehmen durchaus gesellschaftliche Pflichten auferlegt. „Haltung“ sollte sich bewusst auch im Wirtschaftsleben abbilden und nicht nur im Bereich des Privaten. Wer dieses Prinzip infrage stellt und die Unternehmen aus ihrer gesellschaftlichen Verantwortung entlassen will, zielt auf einen anderen Staat, eine andere Gesellschaft. Ein Gemeinwesen, in den nur noch kurzfristige und der Regel auch kurzsichtige ökonomische Interessen das Sagen haben und nicht mehr Werte, Haltung und langfristige gesellschaftliche Perspektive.

    Louisa Riepes Versuch der Delegitimierung von klarer gesellschaftlich Haltung und Unternehmensverantwortung demonstriert m.E. einmal mehr die zunehmend „verantwortungslose“ m.a.W. libertäre Grundeinstellung der Chefredaktion der NOZ.

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