Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Schlagwort: Medienkritik (Seite 3 von 19)

Die Lücken im Winter-Interview von Rena Lehmann in der NOZ

Unbelegte Vorwürfe gegen die Linke, ein fragwürdiger Repost, und ein Klima-Dilemma, das im NOZ-Gespräch mit Rena Lehmann keine Rolle spielt.

Hallo NOZ, hallo Frau Lehmann,

Ihr Interview mit Wiebke Winter wirft mehr Fragen auf, als es beantwortet, denn manche Fragen werden garnicht erst gestellt.

Frau Winter positioniert sich im Gespräch als klare Gegnerin der AfD, nennt die Partei „gesichert rechtsextrem“ und betont, es gebe „kein Potenzial“ für eine Zusammenarbeit. Wenige Sätze später sagt sie jedoch unwidersprochen, in Bremen unterstütze die Linke „Linksextremisten“, was sie „scharf“ kritisiere. Eine Nachfrage, welche konkrete Unterstützung gemeint ist oder welche Belege dafür vorliegen, fehlt komplett. Eine derart schwerwiegende Anschuldigung gegen eine demokratische Partei sollte nicht unkommentiert stehen bleiben.

In diesem Zusammenhang sind Frau Winters öffentliche Aktivitäten außerhalb des Interviews interessant. Sie hat ein Video von Manuel Ostermann geteilt, in dem Linksextremismus zur „strukturell größten Gefahr für die Demokratie“ erklärt wird, die es „rechtsstaatlich zu bekämpfen“ gelte.

NOZblog

Das ist exakt jene falsche Symmetrie zwischen rechtem und linkem Rand, die eine vom Verfassungsschutz gesichert rechtsextrem eingestufte Partei relativ verharmlost. Wer diesen Rahmen teilt und im selben Atemzug unbelegt vor „Linksextremisten“ warnt, während er sich öffentlich als AfD-Gegnerin präsentiert, hat ein Kohärenzproblem, das eine journalistische Nachfrage verdient hätte.

Noch deutlicher wird die Schieflage beim Klimathema. Im NOZ-Interview präsentiert sich Frau Winter als engagiertes Mitglied der Klima Union, für die Klimaschutz ein „Herzensthema“ sei. Im Gespräch mit Luisa Neubauer (ATMO-Magazin) äußerte sie sich jedoch deutlich anders. Dort beschreibt sie ein „Dilemma“, wenn die Union das Klimathema stark mache, profitierten am Ende die Grünen davon. Das ist keine inhaltliche Position zum Klimaschutz, sondern eine parteitaktische Kalkulation, bei der das Thema klein gehalten wird, um der politischen Konkurrenz keine Bühne zu bieten. Die bittere Ironie dabei, aktuell profitiert von dieser strategischen Zurückhaltung nicht die grüne Konkurrenz, sondern die AfD. Genau dieser Widerspruch zwischen „Herzensthema“ im NOZ-Interview und wahltaktischem Kalkül gegenüber Neubauer wäre eine naheliegende Nachfrage gewesen.

Ein Interview lebt davon, dass Behauptungen der interviewten Person nicht einfach durchgereicht, sondern eingeordnet werden. Genau das vermisse ich hier.

Mit freundlichen Grüßen

Ewerts Beckenrand-Ironie zum Volksbad in der NOZ: Wenn die Kolumne mehr über den Autor verrät als über das Kunstwerk

Ewerts Kolumne zum Berliner „Volksbad“; Kosten pro Kopf statt Werkanalyse, Seitenhieb gegen die „natürlich“ geförderte NGO, Schlingensief als moralischer Maßstab. Auffällig auch, zum dauerhaften Sprachausschluss im Heidebad Halle reichte der NOZ im Juni eine dpa-Zeile.

Burkhard Ewert widmet sich am 13. August 2026 dem Volksbadprojekt der Berliner Volksbühne, einem mobilen Schwimmbad, das Intendant Matthias Lilienthal vor dem Theater aufstellen ließ, unter anderem mit einer befristeten Öffnungszeit für Menschen aus der schwarzen Community. Der Text lohnt eine genauere Lektüre, weil er gleich mehrere typische Kommentar-Techniken versammelt.

Die Ökonomisierung als Ausweichmanöver

Statt sich mit der künstlerischen Aussage des Projekts auseinanderzusetzen, rechnet Ewert die 300.000 Euro Projektkosten auf „15 Euro pro Badegast“ herunter. Das verschiebt die Debatte von der Frage „was will das Werk sagen“ zur Frage „lohnt sich das“. Mit derselben Rechnung ließe sich praktisch jede öffentlich geförderte Kunst als Verschwendung markieren, die Methode sagt mehr über die Bereitschaft zur Auseinandersetzung aus als über das Projekt selbst.

Der insinuierte NGO-Vorwurf

Die Formulierung von der „natürlich steuergeförderten“ NGO unterstellt durch das Wörtchen „natürlich“, ohne es zu behaupten. Sachlich ist an einer Kooperation mit einer geförderten Organisation meist nichts Besonderes, die Rhetorik aktiviert trotzdem ein Deutungscluster, das mit dem eigentlichen Thema nichts zu tun hat.

Der Schlingensief-Vergleich als moralische Abgrenzung

Ewert baut sich erst eine wohlwollende Referenzfigur auf, um das aktuelle Projekt daran zu messen und für unwürdig zu befinden. Schlingensief habe „verbinden“ wollen, „nicht ausgrenzen“. Das ignoriert, dass befristete Schutz- oder Communityräume eine lange Tradition genau in der Kunst- und Aktivismuspraxis haben, die Ewert eigentlich goutiert, die Volksbühne grenzt niemanden dauerhaft aus, sie öffnet einen Nachmittag lang gezielt.

Ein Kontrastfall, der zu denken gibt

Interessant ist dabei auch, wie unterschiedlich die NOZ mit vergleichbaren Themen umgeht. Als das Heidebad in Halle (Saale) im Juni 2026 dauerhaft Menschen mit unzureichenden Deutschkenntnissen den Zutritt verweigerte, blieb es bei einer knappen, unkommentierten dpa-Meldung. Keine Kolumne, kein Spott, keine Einordnung. Das muss man nicht überinterpretieren aber es zeigt, dass die NOZ durchaus in der Lage ist, Zugangsfragen zu Schwimmbädern auch sachlich und ohne Häme zu behandeln, wenn sie will.

Am Ende bleibt der Eindruck, dass Ewerts Text weniger eine Auseinandersetzung mit einem Kunstwerk ist, als eine Übung in rhetorischer Abwehr. Kosten statt Inhalt, Andeutung statt Argument, ein selektiv gewählter Vergleichsmaßstab.

Nachtrag: Der PS-Satz, der alles noch einmal verschärft

Dank an Kommentator Jürgen, der mich auf die Fortsetzung in der Online-Ausgabe des Rest der Republik aufmerksam gemacht hat.

NOZblog

Was im Ursprungstext noch als Ökonomisierung und Insinuation durchging, bekommt im Nachsatz eine deutlich härtere Note. Ewert kommentiert dort, dass die Volksbühne die Ankündigung des Projekts zunächst entschärft und den Termin am Ende ganz abgesagt hat, nach eigenen Angaben wegen rassistischer Anfeindungen, die die Sicherheit gefährdet hätten.

Drei Dinge fallen am Nachsatz auf

Die Umbenennung entzieht dem Projekt die eigene Sprache. Statt beim Begriff „Volksbad“ zu bleiben, den die Veranstalter selbst gewählt haben, prägt Ewert einen neuen Begriff, der das Projekt auf ein Hautmerkmal reduziert. Das ist keine neutrale Beschreibung, sondern selbst eine Zuschreibung, ausgerechnet in einem Text, der dem Projekt vorwirft, mit Hautfarbe zu arbeiten.

Die Absagegründe werden mit einer Floskel weggewischt. Die genannte Bedrohungslage (eine sicherheitsrelevante, überprüfbare Aussage der Veranstalter) kassiert er mit zwei Worten, die weder Zustimmung noch Widerspruch bedeuten, sondern einfach Zweifel im Raum stehen lassen, ohne dass er sich festlegen müsste.

Der letzte Satz ist der eigentliche Skandal. Ewert zweifelt zunächst an, dass es tatsächlich „rechte und rassistische Hetze“ war, die zur Absage führte („Mag sein“, gemeint ist: eher nicht). Seine Alternativerklärung lautet, dass die Veranstalter vermutlich einfach überrascht gewesen seien, dass die Gesellschaft außerhalb ihrer eigenen Blase eine nach Hautfarbe getrennte Zugangsregelung selbst für überholt hält. Damit dreht Ewert den Vorwurf einfach um. Nicht die Kritiker des Projekts hätten ein Problem, sondern die Veranstalter selbst hätten mit ihrer hautfarbenbasierten Regelung „Rassentrennung“ betrieben, und die berechtigte gesellschaftliche Ablehnung dessen fälschlich als „rechte Hetze“ missverstanden. Es ist ein „Farbenblindheits“-Argument. Wer nach Hautfarbe unterscheidet, auch wohlmeinend, mache sich selbst der Rassentrennung schuldig, während die eigentliche Bedrohungslage, die die Veranstalter als Absagegrund nannten, stillschweigend infrage gestellt wird. Für einen Chefredakteur eine bemerkenswert steile Position.

Der Ursprungstext ließ sich noch als handwerkliche Schwäche lesen, Ausweichen statt Argumentieren, man kennt es. Der Nachsatz ist etwas anderes, hier wird nicht mehr nur schlecht kommentiert, sondern eine Position eingenommen, die Kritik an Rassentrennung selbst verspottet.

Wenn „links wie rechts“ die falsche Seite entlastet

Philipp Ebert stellt in seinem NOZ-Kommentar zu Gedenkstätten-Geldern einen Holocaust-relativierenden AfD-Satz neben einen polemischen Linken-Vorwurf, und behandelt beides als gleichwertige „extremistische Äußerung“. Ein Blick auf die Unterschiede.

Hallo NOZ, hallo Herr Ebert,

Ihr Kommentar zur Aufstockung der Gedenkstättenmittel endet mit einem Bekenntnis zur Menschenwürde, das niemand ernsthaft bestreiten wird. Der Weg dorthin führt jedoch über eine Konstruktion, die genau das untergräbt, was Sie eigentlich verteidigen wollen.

Sie stellen das AfD-Wahlprogramm in Sachsen-Anhalt, das die deutsche Erinnerung an die NS-Zeit als „Verewigung eines Schuldkomplexes“ bezeichnet, neben den Vorwurf des Linken-Parteichefs Pantisano, die CDU betreibe „faschistische Politik“. Beides fassen Sie unter der Überschrift „extremistische Äußerungen“ zusammen, mit dem Satz „Inflationäre Faschismus-Rufe hier, Nazi-Relativierungen dort“.

Das eine Gleichsetzung von Ungleichem. Ein polemischer Vorwurf, eine Partei betreibe „faschistische Politik“, mag unangemessen zugespitzt sein. Er bleibt eine rhetorische Übertreibung im politischen Streit. Die AfD-Formulierung dagegen relativiert explizit die deutsche Verantwortung für den Holocaust und deutet sie als pathologischen „Schuldkomplex“ um, den es zu „heilen“ gelte. Das ist keine Zuspitzung, das ist die Sache selbst.

Verschärft wird das Ungleichgewicht durch die historische Einordnung, die Sie nur einer Seite mitgeben. Sie erinnern daran, dass der Faschismus-Vorwurf einst von SED und Sowjetunion zur Rechtfertigung von Unterdrückung genutzt wurde, und belasten damit die Kritik an der CDU zusätzlich. Für die AfD-Position fehlt jede vergleichbare Einordnung. Kein Wort zur Verfassungsschutz-Einstufung der sachsen-anhaltischen AfD als gesichert rechtsextrem, kein Hinweis darauf, dass sich diese Formulierung nahtlos in ein bekanntes Muster rechtsextremer Erinnerungspolitik einreiht.

Wer beides unter einem gemeinsamen Dach aus „links wie rechts“ präsentiert, verwischt genau die Unterscheidung, die für eine wache Erinnerungskultur notwendig wäre. Mehr Geld für Gedenkstätten ist richtig und wichtig. Es hilft aber wenig, wenn im selben Kommentar der Boden für die Relativierung dessen bereitet wird, woran diese Gedenkstätten erinnern sollen.

Mit freundlichen Grüßen

Wo mehr Schaden droht: Wie Philipp Ebert in der NOZ aus Lohnbetrug ein Staatsproblem macht

Ebert nennt Lohnbetrug an Arbeitnehmern erst „Betrug“, und im nächsten Satz „Kavaliersdelikt“ wie Schwarzfahren. Am Ende ist der Staat schuld, nicht der Arbeitgeber.

Am 11. August berichtet die dpa auf Seite 7 der NOZ über eine Berechnung des DGB. Durch systematische Unterschreitung des gesetzlichen Mindestlohns seien Beschäftigten, Sozialkassen und Fiskus seit 2015 bis zu 64 Milliarden Euro entgangen. Die Zahlen stammen aus dem Sozioökonomischen Panel, einer etablierten Erhebung, und werden im Artikel selbst mit einer Einordnung der Arbeitgeberseite (BDA) kontextualisiert, so weit, so handwerklich solide.

Wer die Zeitung aber von vorne liest, bekommt die Einordnung schon auf Seite 1 serviert, durch Philipp Ebert, noch bevor die Faktenlage überhaupt folgt. Sein Kommentar „Wo mehr Schaden droht“ verdient eine genaue Lektüre, weil er in wenigen Absätzen ein bemerkenswertes rhetorisches Manöver vollzieht.

Die Verkleinerung

Ebert stellt die 6,4 Milliarden Euro Jahresschaden den „mehr als zwei Billionen Euro“ gegenüber, die Staat und Sozialversicherungen jährlich ausgeben, und nennt die Summe „Peanuts“. Das ist keine inhaltliche Widerlegung der DGB-Zahlen (er bestreitet sie nicht einmal), sondern eine reine Maßstabsverschiebung.

Die Kavaliersdelikt-Volte

Bemerkenswert ist, wie sorgfältig der Text zunächst rechtlich sauber bleibt. „Wer Gesetze bricht, macht sich strafbar; und wer Lohn einbehält, betrügt Arbeitnehmer und verzerrt den Wettbewerb.“ Im nächsten Atemzug landet genau dieser Straftatbestand neben Schwarzfahren und Schnellfahren als etwas, das „teils auch als Kavaliersdelikt sozial akzeptiert“ sei. Organisierter Lohnbetrug durch Arbeitgeber, begangen an denjenigen, die laut Artikel selbst „trotzdem oft kaum über die Runden kommen“, wird damit diskursiv auf Bagatellniveau gezogen.

Die Täter-Opfer-Umkehr

Am Ende des Textes ist nicht mehr der Arbeitgeber das Problem, der Löhne vorenthält, sondern „ein überregulierender Staat mit klebrigen Fingern“. Der Mindestlohn selbst wird zum „starken Eingriff in die Tarifautonomie“ umgedeutet. Aus einem Bericht über Kontrolldefizite beim Gesetzesvollzug wird ein Text über zu hohe Arbeitskosten.

Der Themenwechsel

Die Schlussfolgerung (Staatsausgaben „drastisch reduzieren“) steht in keinem erkennbaren Zusammenhang mehr mit dem Ausgangsthema, dem chronisch unterbesetzten Kontrollapparat beim Mindestlohnvollzug, den der dpa-Artikel selbst benennt (eine Kontrolle pro Unternehmen alle 140 Jahre, 2500 unbesetzte Stellen bei der FKS).

Was bleibt ist ein Text, der Lohnbetrug an Arbeitnehmern sprachlich verharmlost, die eigentlich Verantwortlichen aus dem Fokus nimmt und den ganzen Vorgang in eine allgemeine Staatskritik ummünzt, platziert so, dass er den Fakten auf Seite 7 argumentativ vorgreift, bevor der Leser sie überhaupt gesehen hat.

NOZ verharmlost den Populismus – ANK stellt sich dagegen

Vorankündigung zum 4.Treffen der Aktion NOZ-kritisch (ANK), auf dem „Spitzboden“ der Lagerhalle am Dienstag, 18. August 2026, 19 Uhr.

Was soll man von einer Zeitung halten, deren Chefredakteur von einer „Melonisierung“ der AfD träumt und diese Partei in einer Überschrift gar als „Retter der Demokratie“ bezeichnen lässt? Und der in seinen Kommentaren immer wieder versucht, die AfD als legitime Protestpartei zu framen? Die Aktion NOZ-kritisch stellt sich dieser zunehmenden Verharmlosung des Rechtspopulismus in unserer Osnabrücker Tageszeitung entgegen. Auch der gezielte Hackerangriff auf die ANK-Homepage im Juni wird die ANK davon nicht abhalten können! Alle, die unterstützen möchten, sind herzlich zum nächsten Offenen Treffen am Dienstag, den 18. August, um 19 Uhr auf dem „Spitzboden“ der Lagerhalle in Osnabrück eingeladen.

Weitere Infos hier: https://noz-kritisch.de/

« Ältere Beiträge Neuere Beiträge »