Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Schlagwort: Medienkritik (Seite 9 von 12)

Headline gegen den eigenen Artikel: Wie die NOZ rechte Gefahr kleinrechnet

NOZ, 19. Mai, Titelseite: „Mehr Straftaten aus linker Szene.“ Im selben Artikel: 3758 rechte Straftaten, ca. 1600 linke. Innenministerin und Polizeipräsident benennen rechts als Hauptgefahr. Die Headline läuft dem direkt entgegen. Das ist keine Nachlässigkeit, das ist eine Entscheidung.

Hallo NOZ, hallo Herr Koch,

die Titelseite der NOZ vom 19. Mai liefert ein Lehrstück in redaktionellem Framing. Die Überschrift lautet: „Mehr Straftaten aus linker Szene“. Der Subtext darunter präzisiert: Die Zahl habe einen neuen Höchststand erreicht.

Was fehlt ist ein vergleichbarer Hinweis darauf, dass die rechten Fallzahlen mit 3758 mehr als doppelt so hoch liegen wie die linken mit knapp 1600. Was ebenfalls fehlt: dass Innenministerin Behrens und Polizeipräsident Brockmann die Hauptgefahr für Rechtsstaat und Demokratie ausdrücklich bei rechts verorten. Beides steht im Artikel selbst.

Eine Headline ist eine redaktionelle Entscheidung. Sie bestimmt, was Leserinnen und Leser als wichtigste Information mitnehmen, und zwar unabhängig davon, was im Text steht. Die meisten lesen die Überschrift, deutlich weniger den Artikel, noch weniger den nachgelagerten Meinungsbeitrag. Wer die Seite 1 der NOZ an diesem Tag aufschlägt, nimmt mit: Die linke Szene ist das Problem. Das ist durch die Zahlen nicht gedeckt.

Dass bestimmte rechte Deliktszahlen nicht weiter gestiegen sind, bedeutet nicht, dass die Bedrohungslage geringer geworden ist. 3758 Straftaten, davon 110 Gewaltdelikte und ein versuchter Terroranschlag gegen eine Moschee, sind kein Anlass zur Entwarnung. Die Headline suggeriert sie dennoch, indem sie die Veränderungsdynamik bei links in den Vordergrund stellt und die absolute Größenordnung bei rechts unsichtbar lässt.

Hinzu kommt die qualitative Dimension, die in der Überschrift vollständig fehlt. Wahlplakate zerreißen und Hakenkreuze schmieren, Volksverhetzung im Netz betreiben und einen Anschlag auf Moscheen planen, das sind keine vergleichbaren Vorgänge. Eine Headline, die beides unter „politische Kriminalität“ subsumiert und dann den linken Anstieg hervorhebt, verschleiert genau diese Unterschiede.

Koch relativiert das im nachfolgenden Meinungsbeitrag. Das ist zu seinem Credit. Es ändert aber nichts daran, dass die Headline eine Akzentverschiebung vorgenommen hat, die sachlich nicht gedeckt ist. Headline und Kommentar stammen aus derselben Redaktion, erscheinen in derselben Ausgabe und widersprechen einander in ihrer Gewichtung. Das ist kein Versehen, sondern eine Entscheidung. Die Frage, wer sie getroffen hat und warum, bleibt offen.

Mit freundlichen Grüßen

Update 21.05.2026, zur weiteren Lektüre zu diesem Thema empfehle ich auch diesen Artikel: https://www.volksverpetzer.de/faktencheck/statistik-tagesschau-afd-angriffe/

Normalisierung durch Format: Warum das NOZ-Interview mit Peter Felser ein redaktionelles Problem ist

Die NOZ interviewt einen AfD-Politiker wie jeden anderen Parlamentarier, ohne Hinweis auf die Verfassungsschutz-Einstufung. So funktioniert Normalisierung; nicht durch Zustimmung, sondern durch Format.

Hallo NOZ, hallo Herr Ludwig,

das Interview mit AfD-Bundestagsabgeordnetem Peter Felser zum Trump-Xi-Gipfel folgt einem Format, das die NOZ für jeden anderen Politiker auch verwendet; fünf Fragen, neutrale Einleitung, keine redaktionelle Distanzierung. Genau das ist das Problem.

Die AfD ist in Niedersachsen und anderen Bundesländern gesichert rechtsextrem eingestuft. Wer einen Vertreter dieser Partei wie jeden anderen Parlamentarier interviewt, behandelt sie wie jede andere Partei. Das ist eine redaktionelle Entscheidung mit Konsequenzen, keine Selbstverständlichkeit.

Besonders problematisch ist das Fehlen eines konkreten Kontexts, der in diesem Interview zwingend gehört hätte. Peter Felser äußert sich als Vorsitzender der Deutsch-Chinesischen Parlamentariergruppe seiner Fraktion. Doch sein Parteifreund Maximilian Krah hat durch den fahrlässigen Umgang mit Zugangsdaten seinem Büromitarbeiter jahrelang ermöglicht, vertrauliche EU-Parlamentsdokumente an einen chinesischen Geheimdienst weiterzugeben. Das Dresdner Oberlandesgericht verurteilte den Mitarbeiter im September 2025 in dem nach Einschätzung der Bundesanwaltschaft schwersten Fall chinesischer Spionage in Deutschland. Wer Felser als AfD-China-Experten präsentiert, ohne diesen Sachverhalt zu erwähnen, blendet für die Einordnung seines Statements einen wesentlichen Kontext aus.

Das ist kein Angriff auf die Person, sondern eine Frage journalistischer Sorgfalt. Einordnung gehört zum Handwerk.

Mit freundlichen Grüßen

Kirk als Märtyrer, Piker als Gefährder: Die NOZ und ihr verlässliches NZZ-Framing

Die NOZ inszeniert Kirk seit Monaten als Märtyrer, verharmlost Faschisten als „Querköpfe“ und übernimmt unkritisch NZZ-Texte, die linke Rhetorik als Gewaltursache rahmen. Kein Zufall.

Hallo NOZ, hallo Chefredaktion,

der NZZ-Text über Hasan Piker, am Ende als Quelle ausgewiesen, passt nahtlos in ein Muster, das ich seit Monaten dokumentiere. Im September 2025 wurde Charlie Kirk in der NOZ bereits als tragische Märtyrerfigur inszeniert, während rechte Gewalt in Deutschland, statistisch das weitaus größere Problem, kaum Schlagzeilen wert ist. Ewert widmete Kirk einen eigenen Kommentar, Clasen und Ebert folgten. Nun holt die NOZ aus der NZZ einen Text, der denselben argumentativen Bogen weiterzieht: Linke Rhetorik als Gewaltursache, rechte Akteure bestenfalls als „kontrovers“.

Der NZZ-Text selbst liefert dafür ein aufschlussreiches Beispiel. Nick Fuentes, Holocaustleugner und bekennender Faschist, wird als „neonazistischer Querkopf“ bezeichnet. Hasan Pikers Polemik hingegen wird als systemische Bedrohung für die Demokratie gerahmt. Diese sprachliche Asymmetrie ist kein stilistisches Versehen, sie ist Haltung.

Dass das Tatmotiv von Kirks Mörder, der angab, Kirk verbreite Hass gegen LGBTQ-Menschen, im Text nicht vorkommt, vervollständigt das Bild. Eine Einordnung, die das politische Profil der NZZ als wirtschaftsliberal und kulturell rechtsbürgerlich transparent macht, fehlt wie üblich.

Die NOZ befeuert seit Monaten ein Narrativ, links ist gefährlich, rechts ist übertrieben dargestellt. Wer dieses Muster kennt, liest auch diesen Text anders.

Mit freundlichen Grüßen

Plausibler Kern, billiger Rahmen, wie Philipp Ebert in der NOZ seriöse Außenpolitik mit Reizwörtern unterwandert

Eberts Merz-Kritik hat einen berechtigten Kern. Aber „Feministische Außenpolitik“ und „Dackel-Beauftragte“ als Argumente zu verkaufen, ist keine Analyse, das ist Stimmungsmache mit Anlauf.

Hallo NOZ, hallo Herr Ebert,

der Kommentar enthält einen berechtigten Kern, ein Bundeskanzler sollte seine öffentlichen Äußerungen über einen unberechenbaren US-Präsidenten sorgfältig abwägen, zumal die sicherheitspolitische Abhängigkeit Deutschlands von den USA real und kurzfristig nicht auflösbar ist. Soweit ist der Text nachvollziehbar.

Doch drumherum baut Ebert einen rhetorischen Rahmen, der mit Analyse wenig zu tun hat. „Feministische Außenpolitik“ und „regelbasierte Ordnung“ werden nicht diskutiert, sondern als Chiffren für weltfremde Selbstüberschätzung aufgestellt. Der „Dackel-Beauftragte“ als Bild für den öffentlichen Dienst ist keine Zuspitzung, sondern Verhöhnung. Subventionen werden pauschal als „verprasst“ gerahmt, ohne zu benennen, welche, für wen, mit welchem Ergebnis und was stattdessen hätte geschehen sollen.

Genau das fehlt dem Text durchgängig, die positive Gegenseite. Wer sagt, Geld sei verprasst worden, schuldet die Antwort, wofür es hätte verwendet werden sollen. Wer sicherheitspolitisches Versagen beklagt, muss benennen, welche Entscheidungen konkret falsch waren und wer sie getroffen hat, nicht pauschal auf Subventionen und öffentlichen Dienst zeigen.

Meinungsjournalismus darf pointiert sein. Er sollte aber unterscheidbar bleiben von konservativem Reizwort-Bingo, das einen plausiblen außenpolitischen Punkt nutzt, um nebenbei Feminismus, Bürokratie und Sozialstaat in eine Abkürzung für deutsches Versagen zu verwandeln.

Mit freundlichen Grüßen

Die NOZ, ausgezeichnet für Debatten, die sie abschaffen

Die NOZ gewinnt den European Publishing Award für „Räume für fairen Austausch“, während sie gleichzeitig Kommentarspalten schließt, Leserbriefe entkoppelt und kritische Kommentare verschwinden lässt. Ein Widerspruch, der dokumentiert ist.

Die Meldung ist kurz, aber sie sitzt: Die Unternehmensgruppe NOZ/mh:n hat den European Publishing Award 2026 gewonnen, für ihre 360°-Formate, für „Räume für fairen Austausch“, für das Ziel, „den Wert von Meinungsvielfalt greifbar zu erzählen“. Eine hochkarätig besetzte Jury, darunter ntv-Geschäftsführer Tilman Aretz und Funke-Chefredakteur Carsten Erdmann, findet das preiswürdig. Vielleicht sollte man die Jury mit ein paar Fakten versorgen.

Was die NOZ in den letzten Monaten getan hat

Im Februar 2026 wurden die Kommentarspalten auf noz.de geschlossen. Begründung: Qualitätssicherung, Debattenkultur, Verantwortung. Leserbriefe werden seitdem nicht mehr zeitnah zum jeweiligen Artikel veröffentlicht, sondern in „loser Folge“ gebündelt, entkoppelt vom Anlass, der sie ausgelöst hat, und damit entkoppelt von jeder öffentlichen Wirkung.

Das neue Vorzeige-Debattenformat, 360° | Das Forum, feierte im März seine Premiere mit Burkhard Ewerts Grönemeyer-Kommentar. Ich nahm teil, schrieb einen sachlichen Kommentar, erhielt eine Replik von Ewert, und konnte dann nicht mehr antworten. Meldung: „Kommentar kann aus technischen Gründen nicht abgeschickt werden.“ Ewerts letztes Wort blieb unwidersprochen im Raum stehen. Das Community-Team erklärte später, mein Kommentar sei „nie im System angekommen“. Warum, konnte man nicht sagen.

Das ist dokumentiert. Hier, auf diesem Blog.

Was die NOZ gleichzeitig behauptet

„In einer zunehmend fragmentierten Gesellschaft sieht das Medienhaus seine Aufgabe darin, Räume für fairen Austausch zu schaffen.“ So steht es in der Pressemitteilung zur Preisverleihung. Chefredakteur Burkhard Ewert wird zitiert: „Eine Gesellschaft ohne Diskurs ist eine Gesellschaft ohne Entwicklung.“

Das stimmt. Es stimmt sogar sehr. Nur: Wer Kommentarspalten schließt, Leserbriefe zeitlich entkernt und kritische Antworten im Forum verschwinden lässt, schafft keinen Diskurs. Er schafft eine Bühne, auf der die Redaktion spricht, und das Publikum applaudiert oder schweigt. Das nennt sich nicht Meinungsvielfalt. Das nennt sich Kontrolle.

Zur Einordnung

Ich bin nicht der einzige, dessen Erfahrungen mit der NOZ-Debattenkultur sich so zusammenfassen lassen. Auf diesem Blog finden sich Berichte von Lesern, deren Kommentare unter NOZ-Artikeln nie erschienen, die auf Instagram ausgeblendet wurden, die auf Leserbriefe keine Reaktion erhielten, oder eine so allgemeine, dass sie jede inhaltliche Auseinandersetzung elegant umschiffte.

Ein Preis für „fairen Austausch“ ändert daran nichts. Er macht es nur kontrastreicher.

Burkhard Ewert sagt, er sei stolz. Das glaube ich ihm. Ich wäre auch stolz, wenn ich für etwas ausgezeichnet würde, das ich nach außen so überzeugend erzähle, und nach innen so konsequent einschränke.

Herzlichen Glückwunsch, NOZ. Der Preis passt gut ins Regal. Gleich neben den geschlossenen Kommentarspalten.

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