Warum Wiegelmanns Spott über Bärbel Bas in der NOZ an der Versorgungsforschung vorbeigeht und die Attestpflicht ab Tag eins fachlich alles andere als eine ausgemachte Sache ist.

Hallo NOZ, hallo Herr Wiegelmann,

Ihr Kommentar zu Bärbel Bas‘ Vorstoß gegen die Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag stellt die Sache als bloßen Koalitionsstreit um eine Marginalie dar. Diese Einordnung übersieht, dass es fachlich durchaus gute Gründe gibt, die geplante Regelung kritisch zu sehen.

Der Versorgungsforscher Achim Mortsiefer von der Universität Witten/Herdecke hat bereits im Juli darauf hingewiesen, dass eine Attestpflicht ab Tag eins vor allem den organisatorischen Aufwand erhöht, ohne dass der Effekt auf den Krankenstand gesichert wäre. Praxen würden zusätzlich belastet, während Patientinnen und Patienten, die wirklich ärztliche Hilfe brauchen, länger warten müssten. Auch die bewährte telefonische Krankschreibung, für die laut Mortsiefer keine Hinweise auf systematischen Missbrauch vorliegen, soll wegfallen.

Der Verweis auf die Niederlande zeigt zudem, dass strengere Nachweispflichten kein Naturgesetz für einen niedrigeren Krankenstand sind. Dort können sich Beschäftigte länger selbst krankmelden, der Krankenstand liegt trotzdem unter dem deutschen.

Vor diesem Hintergrund wirkt Ihre Zuspitzung auf einen „Knallfroschkampf“ verkürzt. Es geht nicht um symbolische Konfliktlust der SPD, sondern um eine berechtigte fachliche Nachfrage an eine Regelung, deren Nutzen selbst unter Fachleuten umstritten ist. Wer Kompromisse verteidigt, sollte auch die Substanz der Kritik daran ernst nehmen, statt sie als überflüssiges Störfeuer abzutun.

Mit freundlichen Grüßen

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