Ewert auf der Schelenburg zu links oder rechts. „Beides, je nach Tag oder Thema.“ Zuvor in Lingen zur AfD und zu „5,5 Millionen Toten im Namen des Guten“. Beliebigkeit als Prinzip, verpackt in eine Tour durch kuratierte Kleingruppen.
Hallo NOZ, hallo Herr Buß,
Ihr Artikel über Burkhard Ewerts Abend auf der Schelenburg liest sich wie ein schönes Zeugnis gelebter Debattenkultur. Bei genauerem Lesen bleiben einige Fragen offen.
Auf die Frage, ob er links oder rechts sei, antwortet Ewert mit „beides, je nach Tag oder Thema“. Das klingt nach Offenheit, ist aber vor allem bequem. Wer sich nie festlegt, kann auch nie an einer klaren Haltung gemessen werden.
Zwei Aussagen von einer anderen Station seiner Lesereise zeigen, wohin diese Beliebigkeit führen kann. In Lingen beantwortete Ewert die Frage nach einem AfD-Verbot mit den Worten, man müsse sie nicht verbieten, sie spreche schließlich Punkte an, um die man sich kümmern müsse. Dabei lässt er aus, dass die Partei in mehreren Bundesländern vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft wird. Eine solche Partei auf „Themen ansprechen“ zu reduzieren, verschiebt den Maßstab.
In derselben Runde setzte Ewert russische Kriegsverbrechen und, wie er es nannte, „den Westen und seine Kriege“ seit dem 11. September nebeneinander, mit der Zahl von 5,5 Millionen Toten „im Namen des Guten“. Beim US-Angriff auf den Iran sprach er von „unerträglicher Doppelmoral“. So verständlich Kritik an westlicher Kriegspolitik sein kann, so schief wird sie, wenn sie zur reinen Aufrechnung wird. Ein Angriffskrieg mit imperialen Zielen und westliche Interventionen, so fragwürdig manche davon waren, sind keine vergleichbaren Größen. Wer sie in einem Atemzug nennt, erzeugt eine falsche Symmetrie, die am Ende beide Seiten verharmlost.
Auffällig ist zudem der Rahmen der gesamten Tour. Erst schließt die NOZ ihre Kommentarspalten, dann kommt ein kuratiertes Forum, in dem kritische Beiträge auf mysteriöse Weise verschwinden, und jetzt zieht der Chefredakteur mit kleinen, handverlesenen Gesprächsrunden durchs Verbreitungsgebiet. Das wird als Nähe zur Leserschaft verkauft. Wer eingeladen wird, wo die Runde stattfindet und worüber gesprochen wird, bestimmt weiterhin allein die Redaktion. Das ist etwas anderes als offene Debatte.
Mit freundlichen Grüßen