Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Schlagwort: Rechtsextremismus (Seite 9 von 13)

Imagepflege statt Einordnung: Wie die NOZ einen verurteilten Neonazi porträtiert

Robert Koop betreibt Roberts Blog aus Lingen, einen der wenigen unabhängigen Beobachterposten für die NOZ-Berichterstattung im Emsland. Koop analysiert ein NOZ-Porträt über einen Haselünner Unternehmer, das mit keinem Wort erwähnt, dass der Porträtierte über Jahre NPD-Funktionär war, wegen Volksverhetzung verurteilt wurde und Neonazi-Konzerte organisiert hat. Lokaljournalismus als Imagepflege.

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Da sitzt er nun geschniegelt zwischen alten Simson-Mopeds, Motorsägen aus den 1930ern und Youtube-Kameras: Tobias Richter aus Haselünne. In den NOZ-Lokalausgaben wird er ausgerechnet am Geburtstag des Grundgesetzes als leidenschaftlicher Schrauber, erfolgreicher Unternehmer und bodenständiger Technikliebhaber porträtiert. Ein Mann mit „Leidenschaft“, „Fachwissen“ und „vollen Auftragsbüchern“und „300 Sägen in einem Sägenmuseum“, heißt es. Fast schon eine emsländische Erfolgsgeschichte.

Was der Artikel von NOZ-Redakteur Daniel Gonzalez-Tepper allerdings mit bemerkenswerter Konsequenz ausspart ist die Biografie des porträtierten Mannes. Denn dieser Tobias Richter ist nicht irgendein Herr Richter. Tobias Richter aus Haselünne war über Jahre als Funktionär der rechtsextremen NPD aktiv, von sogar 2016-2021 Stadtrat in Haselünne und auch Direktkandidat der verfassungswidrigen Partei zur Bundestagswahl.

Und genau das macht diesen weichgespülten Wohlfühl-Artikel so bemerkenswert:

Denn selbstverständlich kann ein Mensch Motorsägen reparieren. Selbstverständlich kann jemand geschäftlich erfolgreich sein. Aber wenn über einen langjährigen NPD-Funktionär berichtet wird, dann ist die politische Biografie keine nebensächliche Fußnote wie etwa ein früherer Kegelverein oder die Ehrung als Schützenfestkönig. Sie gehört zur öffentlichen Einordnung. Gerade in der Lokalpresse. Punkt.

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Der so einfühlsam in den Emslandausgaben der NOZ dargestellte Haselünner Tobias Richter war nachweislich Vorsitzender des damaligen NPD-Unterbezirks Emsland/Grafschaft Bentheim.

2014 bestätigte das Landgericht Osnabrück eine erstinstanzliche Verurteilung des Mannes wegen Volksverhetzung, Gewaltdarstellung und Verstoßes gegen das Jugendschutzgesetz. Hintergrund war die Verlinkung eines Neonazi-Videos, in dem die Ermordung eines Juden als „gute Tat“ dargestellt wurde. Auch das ist keine Kleinigkeit aus einer „Jugendsünde“. Es handelt sich um eine strafrechtlich relevante politische Positionierung im Umfeld organisierter Neonazi-Strukturen.Richter organisierte zudem Veranstaltungen mit einschlägig bekannten Rechtsrock-Akteuren wie „Lunikoff“, dem ehemaligen Sänger der verbotenen Neonazi-Band „Landser“. Hinzu kommen Berichte über Kontakte in die militante Rechtsrock-Szene und Aktivitäten im NPD-Umfeld des Emslands. Selbst in einer Schülerzeitung des Gymnasiums Haselünne wurde Richters Rolle als NPD-Ratsherr thematisiert.

Und nun? Nun liest sich der aktuelle Artikel der NOZ wie ein PR-Text aus der Regionalmarketing-Abteilung: sympathischer Handwerker, Tüftler, Familienbetrieb, Youtube-Erfolg: Expansion an der Bahnhofstraße.

Kein Wort über die braune politische Vergangenheit des Herrn Richter. Kein Wort über die NPD. Kein Wort über Volksverhetzung. Kein Wort darüber, dass dieser Mann über Jahre als Neonazi-Kader in Erscheinung trat.

Hinzu kommt etwas besonders Perfides:

Um die Kult-Mopeds der Firma Simson aus dem thüringischen Suhl, die Herr Richter so erfolgreich repariert, ist besonders in den ostdeutschen Ländern längst ein Hype entstanden. Denn es gibt neuerlich Versuche der AfD, die Marke Simson politisch zu vereinnahmen.
Die Nachfahren der jüdischstämmigen Gründerfamilie der Marke Simson leben heute in den USA. Sie kritisieren diese politische Vereinnahmung scharf. Von ihnen hieß es in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa: „Wir empfinden jegliche Verbindung mit der AfD als abstoßend und als eine Beleidigung unseres Namens.“ Der Name Simson dürfe unter keinen Umständen zum Symbol der AfD werden.

Die Frage ist klar: Wie kann das sein, liebe Lokalpresse?

Gerade Lokaljournalismus lebt doch vorgeblich von Einordnung und Nähe. Doch hier entsteht der Eindruck, als solle eine extreme, verfassungsfeindliche und strafbare politische Vergangenheit nachträglich entpolitisiert werden. Der frühere NPD-Funktionär erscheint plötzlich nur noch als freundlicher Technikliebhaber mit Faible für DDR-Mopeds und historische Motorsägen.

Dabei war gerade die Verbindung notwendig: Warum faszinieren Teile der extrem rechten Szene seit Jahren ostdeutsche Nostalgieprodukte, Rechtsrock-Kultur und bestimmte Männlichkeitsmilieus rund um Technik, Schrauben und „Tradition“? Welche sozialen Netzwerke existieren dort? Welche Rolle spielten solche Treffpunkte im Emsland über Jahre?

Doch all diesen Fragen wird nicht nachgegangen. Sie werden nicht einmal erwähnt. Natürlich gilt: Menschen können sich ändern. Politische Biografien sind nicht für alle Ewigkeit festgeschrieben. Aber genau dann müsste man darüber sprechen. Distanzierungen benennen. Entwicklungen einordnen. Transparenz herstellen.

Stattdessen wird Verschwiegen. Und dieses Verschweigen ist der eigentliche Skandal des Artikels. Denn wer, wie unsere Lokalzeitungen im Emsland, einen ehemaligen, weiterhin politisch einschlägig bekannten Ex-NPD-Funktionär und verurteilten Straftäter porträtiert, ohne dessen politische Rolle auch nur mit einem Nebensatz zu erwähnen, betreibt keine vollständige Berichterstattung mehr. Er betreibt Imagepflege politischer Extremisten. Was für eine ekelhafte, braune Sache.Auf diese Weise verliert der emsländische Lokaljournalismus weiter an Glaubwürdigkeit, weil er politische Realitäten dreist unter den Teppich kehrt.

Update 25.05.2026

Die NOZ hat den oben genannten Artikel zwischenzeitlich aus ihren Medien kommentarlos entfernt.

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Im Suchmaschinenindex sehen wir aber noch die Headline.

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Und da das Internet nichts vergisst, findet man den vollständigen Artikel als PDF im Archiv von Roberts Blog, siehe Update unten: https://robertkoop.wordpress.com/2026/05/24/noz-3-der-freundliche-herr-richter/

Drei Seiten, kein einziges Mal „gesichert rechtsextrem“. Die NOZ und der AfD-Normalisierungsmarathon vom 23. Mai 2026

Heute NOZ, Seiten 1-3: Drei Artikel über die AfD. Kein einziges Mal „gesichert rechtsextrem“. Brandmauer-Debatte ohne Verfassungsschutz-Einstufung ist kein Journalismus, sondern Normalisierung.

Die heutige Ausgabe der Neuen Osnabrücker Zeitung widmet den ersten drei Seiten ein Thema, die AfD. Auf Seite 1 plädiert der frühere schleswig-holsteinische Ministerpräsident Torsten Albig dafür, die Brandmauer zur AfD aufzugeben. Auf Seite 2 fragt ein externer Kolumnist, ob eine AfD-Forderung die Demokratie retten könnte. Auf Seite 3 erklärt Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, die Brandmauer habe der AfD genützt.

Drei Artikel, drei Seiten, ein roter Faden. Und ein gemeinsames Merkmal. Die Einstufung der AfD durch den Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem kommt in keinem der drei Texte vor. Kein einziges Mal. Das ist kein Versehen.

Was fehlt und warum es fehlt

Wer über die AfD schreibt, ihre Stärke analysiert, ihre Forderungen diskutiert und Empfehlungen zum Umgang mit ihr ausspricht, ohne zu benennen, dass sie vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem klassifiziert ist, trifft eine redaktionelle Entscheidung. Nicht mehr und nicht weniger.

Der Albig-Artikel auf Seite 1 setzt die AfD-Ablehnung als emotionale Übertreibung. Wenn Albig schreibt, man könne bei 30 Prozent Wahlergebnis nicht so tun, als sei die AfD „die Ausgeburt der Hölle“, dann ist das ein Strohmann. Niemand in der seriösen Demokratiedebatte bezeichnet die AfD als Ausgeburt der Hölle. Der Verfassungsschutz bezeichnet sie als gesichert rechtsextrem, und das ist eine nüchterne juristische und nachrichtendienstliche Klassifikation, keine moralische Überhöhung. Indem Albig diese Klassifikation durch einen hysterisch klingenden Ausdruck ersetzt, macht der Text die faktenbasierte Ablehnung zur Gefühlssache. Die NOZ druckt das auf Seite 1, unkommentiert.

Der Nelles-Text auf Seite 2 ist handwerklich das Problematischste der drei Stücke. Die Headline „Kann eine AfD-Forderung die Demokratie retten?“ rahmt eine rechtsextreme Partei als potenzielle Demokratie-Retterin. Der Text selbst argumentiert, Volksentscheide seien eine gute Idee, und es sei paradox, sie abzulehnen, nur weil die AfD sie fordert. Das mag als isoliertes demokratietheoretisches Argument Bestand haben. In diesem redaktionellen Kontext, auf dieser Seite, an diesem Tag, leistet es etwas anderes. Es normalisiert AfD-Positionen als diskussionswürdige Politikangebote, ohne dass der institutionelle Charakter der Partei auch nur erwähnt wird. Der Autor ist ein Buchautor mit erkennbarer Agenda, kein unabhängiger Analyst. Auch das wird nicht kenntlich gemacht.

Das Kretschmer-Interview auf Seite 3 enthält immerhin den Satz, man könne nicht so tun, als wäre die AfD eine Partei wie jede andere, wenn Leute wie Höcke an Einfluss gewinnen. Aber der entscheidende Schritt bleibt aus, Kretschmer sagt nicht, dass die AfD als Organisation vom Verfassungsschutz eingestuft ist. Er personalisiert die Kritik auf Höcke und macht sie damit zur Frage des internen Parteiflügels, nicht zur Frage des institutionellen Status der Gesamtpartei.

Die Wirkung der Summe

Einzeln betrachtet ließe sich über jeden dieser Texte noch streiten. In der Summe, auf drei aufeinanderfolgenden Seiten, ergibt sich ein eindeutiges Bild. Die AfD wird als politisches Phänomen behandelt, das man verstehen, de-eskalieren und möglicherweise einbinden soll. Ihr verfassungsschutzrechtlicher Status bleibt konsequent ausgeblendet.

Das ist nicht Neutralität. Neutralität wäre, die Debatte über die Brandmauer zu führen und dabei zu benennen, worüber eigentlich gestritten wird, nämlich ob demokratische Parteien mit einer vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuften Partei kooperieren sollen. Wer den zweiten Teil dieses Satzes weg lässt, betreibt keine neutrale Berichterstattung, sondern eine, die eine Seite systematisch entlastet.

Die NOZ macht das heute nicht zum ersten Mal. Das Muster ist dokumentiert, Porträts von AfD-Kandidaten ohne Verfassungsschutz-Einordnung, Übernahme von NZZ-Texten, die die AfD als Gesprächspartner für Wirtschaftsverbände normalisieren, Berichterstattung zur niedersächsischen Hochstufung, in der der Begriff „Rechtsextremismus“ konsequent vermieden wurde. Was heute auf den ersten drei Seiten steht, ist kein Ausrutscher. Es ist Linie.

Viermal Ewert: Wenn die Zusammenfassung das Problem wiederholt

Die NOZ fasst ihr eigenes Forum zusammen, und Ewerts Kernthese wird zum Leitfaden, Kritiker zu Leuten ohne Sachargumente. Ich werde namentlich genannt. Oh je.

Die NOZ hat das Forum-Thema nun zum vierten Mal aufgewärmt, diesmal als Zusammenfassung der Leserdebatte, verfasst von Eva Kowalski. Ich werde darin namentlich genannt, mein Kommentar wurde entgegen der Meldung doch irgendwann veröffentlicht (zumindest ist er jetzt online einsehbar) und wird zitiert. Das gibt mir Anlass zur Einordnung.

Was in der Zusammenfassung steht

Ewerts Fazit wird als Leitgedanke des gesamten Artikels gesetzt: Die etablierten Parteien treiben der AfD die Wähler in die Arme. Leser, die dieser These zustimmten, werden ausführlich referiert. Gegenwind (auch meiner) erscheint als Mangel, Ewert habe „inhaltliche Gegenargumente“ vermisst.

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Das ist eine rhetorische Verschiebung, die die Zusammenfassung unkritisch übernimmt. Meine Kritik galt nicht Ewerts Einzelbeispielen, sondern dem Framing. Wer den AfD-Aufstieg ausschließlich aus staatlichem Versagen erklärt und die Partei dabei nicht als gesichert rechtsextrem benennt, übernimmt ihr eigenes Narrativ. Darauf gibt es keine inhaltliche Antwort, weder im Forum noch in der Zusammenfassung.

Ewerts Gegenfrage

In seiner Forumsantwort an mich schreibt Ewert: „Gegenargumente, weshalb meine Beispiele nicht greifen, vermisse ich. Darf ich das als Zustimmung werten?“

Äh, nein! Die Frage, ob Bürokratie oder Energiepreise Menschen frustrieren, ist nicht der Streitpunkt. Der Streitpunkt ist, ob ein Chefredakteur diese Frustration als Erklärung für den Zulauf einer rechtsextremen Partei rahmen darf, ohne diese einmal beim Namen zu nennen. Das ist keine Frage der Sachbeispiele. Das ist eine Frage der redaktionellen Haltung.

Was die Zusammenfassung über das Format verrät

„360° | Das Forum“ soll laut Ewert einen „moderierten Ersatz für konstruktiven Austausch“ bieten. Die Zusammenfassung zeigt, wie dieser Austausch nachträglich gerahmt wird. Zustimmung zur Kernthese wird ausführlich referiert, strukturelle Kritik am Framing wird als inhaltliche Leerstelle dargestellt. Das ist kein Protokoll einer Debatte. Das ist ihre nachträgliche Deutung.

Ewerts Maßstäbe: 88 und 1312, wenn der Vergleich die Argumentation verrät

Burkhard Ewert vergleicht „1312″ mit NS-Symbolik, und räumt im selben Text ein, dass der Spruch „All Cops are Bastards“ durch die Meinungsfreiheit gedeckt ist. Was das über seine Argumentation sagt.

Burkhard Ewert hat ein Fenster entdeckt. Im Osnabrücker Büro der Linken klebt ein Schild mit „1312″, dem Zahlencode für „All Cops are Bastards“. Das reicht ihm für eine komplette Kolumne. Der Befund an sich ist nicht uninteressant. Die Argumentation aber lohnt einen zweiten Blick.

Der Vergleich, der nicht trägt

Ewert schreibt, „1312″ funktioniere „im selben Stil, wie Neonazis es gerne mit dem Gruß ‚Heil Hitler‘ machen und irgendwo in die Parkbank ‚88′ ritzen“. Das ist ein starker Satz. Zu stark.

88 ist ein etabliertes Erkennungszeichen militanter Neonazis mit jahrzehntelanger Tradition. Es codiert einen Gruß, der im Kern eliminatorisch gemeint ist, als Bekenntnis zu einer Ideologie, die Millionen Menschen ermordete. 1312 dagegen ist eine pauschale, provozierende Institutionskritik, die Ewert selbst im selben Text als juristisch durch die Meinungsfreiheit gedeckt einräumt.

Wenn ich im selben Absatz erkläre, etwas sei rechtlich zulässig, und es gleichzeitig mit neonazistischer Symbolik gleichsetze, dann habe ich ein Argumentationsproblem. Ewert hat es nicht bemerkt, oder er hat es in Kauf genommen.

„Entmenschlichung“, ein Begriff mit Geschichte

Ewert bezeichnet ACAB als Parole, die „der Entmenschlichung eines politischen Gegners“ diene. Das ist ein Begriff, der Gewicht hat. Entmenschlichung ist das rhetorische Werkzeug von Völkermorden. Er wird in der Forschung für Sprache verwendet, die einer Gruppe das Menschsein abspricht, um Gewalt gegen sie denkbar zu machen.

Ob „alle Cops sind Bastarde“ dasselbe leistet wie „Juden sind Untermenschen“, das ist keine Frage, die sich durch Behaupten beantworten lässt. Ewert beantwortet sie nicht. Er setzt es einfach gleich und geht weiter.

Die Asymmetrie, die auffällt

Was den Text wirklich kenntlich macht, ist nicht das Thema, sondern der Anlass. Eine Partei hängt ein Schild ins Fenster, und das löst eine Kolumne aus, die den Begriff „Entmenschlichung“ bemüht und Vergleiche zur NS-Symbolik zieht.

Die Frage, die sich stellt, wann hat Ewert vergleichbare analytische Energie für rechte Symbolik in vergleichbaren Kontexten aufgewandt? Wann wurde in der NOZ eine Kolumne mit dem Wort „Entmenschlichung“ überschrieben, wenn es um Rhetorik gegen Migranten, Geflüchtete oder politische Gegner von rechts ging?

Das ist keine rhetorische Fangfrage. Es ist die Messlatte, die Ewert selbst anlegt, und an der sich sein Werk messen lassen muss.

Was bleibt

ACAB als Parole an einem Parteibüro ist diskutierbar. Die Frage, ob eine Partei, die Regierungsverantwortung trägt, sich solche Symbolik leisten sollte, ist legitim. Ewert stellt sie auch, das ist der vernünftige Kern seiner Kolumne.

Aber wer einen Zahlencode mit NS-Symbolik vergleicht, den Begriff „Entmenschlichung“ für Institutionskritik verwendet und das alles mit demonstrativer Empörung auflädt, der betreibt keine Einordnung. Der betreibt Aufladung. Und die Richtung dieser Aufladung ist, wie so oft bei Ewert, keine zufällige. Was ist da passiert, Herr Ewert?

Ewerts AfD-Relativierung im Forum: Eine kritische Bestandsaufnahme

In meinem Artikel „Ewerts AfD-Erklärung: Fünf Gründe, die keine sind“ habe ich beschrieben, wie Burkhard Ewert den Aufstieg der AfD auf „Fehler der etablierten Parteien“ reduziert und die Partei damit aus der Verantwortung entlässt. Seine aktuellen Antworten im Rahmen des NOZ-Formats „360° | Das Forum“ zeigen, dass diese Relativierung kein Einzelfall ist, sondern eine durchgehende Herangehensweise. Statt die AfD als das zu benennen, was sie ist – eine Partei mit gesichert rechtsextremen Teilen und demokratiefeindlichen Zielen –, bleibt Ewert bei seiner These, ihr Erfolg sei vor allem ein „Protestphänomen“. Diese Perspektive verkennt, dass die AfD selbst durch gezielte Desinformation und extremistische Forderungen den Zulauf aktiv fördert.

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Die AfD als „Symptom“: Ewerts wiederkehrendes Muster

In seinem Artikel „In Umfragen stärkste Kraft: Der Aufstieg der AfD hat seine Gründe“ vom 18. Mai 2026 führt Ewert fünf Beispiele an, die den Zulauf zur AfD erklären sollen. Falsche Aussagen in der Asylpolitik, Doppelmoral in der Justiz, Aufschläge für Beamte, Bürokratismus und doktrinäre Sichtweisen wie das Tempolimit. Sein Fazit lautet: „Die erwähnten Punkte bedeuten nicht, dass die AfD Lösungen für die Fragen dieser Zeit hätte. Aber sie bilden mit Sicherheit Gründe, warum eine wachsende Zahl von Menschen im Rest der Republik von den etablierten Parteien Abstand nimmt.“

Diese Formulierung ist bezeichnend. Ewert benennt zwar Probleme der etablierten Politik, aber er unterlässt es, die AfD selbst als Problem zu benennen. Stattdessen stellt er sie als passive Profiteurin dar, die von den Fehlern anderer profitiert. Diese Reduktion der AfD auf ein „Symptom“ ist problematisch, weil sie die Partei von ihrer eigenen Verantwortung entbindet.

Dass es sich dabei um kein Versehen handelt, zeigen seine Antworten im „360° | Das Forum“. Auf die Frage eines Lesers, warum die AfD in Umfragen so stark sei, antwortet Ewert: „Die AfD mag keine Lösungen für diese Fragen haben, doch die Fehler der etablierten Parteien treiben ihr die Menschen geradezu in die Arme.“

Wiederum wird die AfD als Reaktion auf andere dargestellt, nicht als Akteur mit eigenen Zielen. Diese Herangehensweise ist nicht neutral, sondern entlastend für die AfD.

Keine klare Einordnung: Warum Ewert die AfD nicht benennt

Auffällig ist, dass Ewert in seinem Artikel und seinen Forum-Antworten keine klare Einordnung der AfD als rechtsextrem oder verfassungsfeindlich vornimmt. Dabei gibt es dafür ausreichend Belege. Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) stuft den „Flügel“ der AfD als gesichert rechtsextrem ein. Dies ist keine Meinung, sondern eine amtliche Feststellung.

Die AfD selbst vertritt in ihrem Programm Positionen, die mit dem Grundgesetz unvereinbar sind, etwa die Forderung nach einer „Remigration“ oder die Ablehnung des menschengemachten Klimawandels. Wissenschaftliche Studien, etwa die Mitte-Studien der Friedrich-Ebert-Stiftung, belegen, dass die AfD-Wählerschaft durch Rassismus, Autoritarismus und Demokratieskepsis geprägt ist.

Ewert geht auf diese Fakten nicht ein. Stattdessen bleibt er bei seiner These, die AfD sei vor allem ein „Protestphänomen“. Diese Herangehensweise ist nicht nur unvollständig, sondern irreführend. Denn sie suggeriert, die AfD sei eine legitime Alternative, obwohl ihre Ziele und Methoden mit den Werten der Demokratie nicht vereinbar sind.

Übernahme des AfD-Narrativs: „Die Elite lügt“

Ein weiteres Problem ist Ewerts unreflektierte Übernahme des AfD-Narrativs. In seinem Artikel schreibt er, „Menschen lassen sich nicht für dumm verkaufen.“ Dieser Satz ist kein Zufall. Er ist zentral für die Propaganda der AfD, die sich als „einzige Stimme der Vernunft“ in einer „lügenden Elite“ inszeniert. Björn Höcke, einer der führenden Köpfe der Partei, nutzt diese Rhetorik regelmäßig, um die AfD als Opfer eines „Systems“ darzustellen, das die Bürger belügt.

Indem Ewert diesen Satz ohne kritische Distanz übernimmt, bestärkt er ungewollt das Selbstbild der AfD. Dabei wäre es seine Aufgabe als Journalist, solche Narrative zu hinterfragen und einzuordnen. Stattdessen reproduziert er sie und trägt damit zur Normalisierung der AfD bei.

Fehlende Auseinandersetzung mit AfD-Inhalten

Ewerts Artikel und seine Forum-Antworten zeugen von einer fehlenden inhaltlichen Auseinandersetzung mit den Zielen der AfD. Auf die Frage eines Lesers, bei welchen konkreten Problemen die AfD keine Lösungen habe, antwortet Ewert, „Beim Haushalt sind die Vorstellungen absurd. In anderen Fragen kann die Antwort anders ausfallen.“

Diese Aussage ist vage und unpräzise. Was bedeutet „kann anders ausfallen“? Heißt das, dass einige AfD-Forderungen akzeptabel sind? Ewert geht nicht darauf ein. Dabei gäbe es genug Beispiele, die eine klare Einordnung erfordern.

Haushaltspolitik: Die AfD fordert Steuersenkungen und Ausgabenkürzungen bei gleichzeitigem Ausbau des Sozialstaats – ein unfinanzierbares Vorhaben, wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in einer Studie nachweist.

Energiepolitik: Die AfD lehnt den menschengemachten Klimawandel ab und setzt stattdessen auf Atomkraft und Kohle ohne einen Plan für die energetische Zukunft Deutschlands.

EU-Politik: Die AfD fordert einen Austritt Deutschlands aus der EU („Dexit“), mit keinem konkreten Plan für die wirtschaftlichen und politischen Folgen.

Ewerts mangelnde Auseinandersetzung mit diesen Inhalten führt dazu, dass die AfD in seiner Darstellung als „Protestpartei“ erscheint, nicht als Partei mit extremistischen und unrealistischen Zielen.

Warum Ewerts Herangehensweise problematisch ist

Ewerts Relativierung der AfD ist aus mehreren Gründen problematisch. Als Chefredakteur einer großen Regionalzeitung hat Ewert eine besonders hohe Verantwortung. Wenn er die AfD nicht klar einordnet, trägt er zur Normalisierung einer Partei bei, die in Teilen rechtsextrem und demokratiefeindlich ist. Studien zeigen, dass die Medienberichterstattung maßgeblich beeinflusst, wie Parteien wahrgenommen werden. Eine unkritische Darstellung der AfD kann daher dazu führen, dass ihre extremistischen Positionen als „normal“ wahrgenommen werden.

Er verharmlost zudem die Gefahren. Die AfD vertritt Ziele, die direkt gegen die Werte des Grundgesetzes verstoßen. Dazu gehören u.a. die Abschaffung der Demokratie (vgl. Höckes Forderung nach einer „Remigration“ und einem „Systemwechsel“). Der Angriff auf Minderheitenrechte (z. B. die Ablehnung der Ehe für alle oder die Forderung nach Abschaffung der Genderforschung). Die Leugnung des Klimawandels (AfD bestreitet den menschengemachten Klimawandel). Indem Ewert diese Ziele nicht thematisiert, verharmlost er die Gefahren, die von der AfD ausgehen. Ewert zitiert in seinem Artikel und seinen Forum-Antworten keine AfD-Kritiker. Weder kommt das Bundesamt für Verfassungsschutz zu Wort, noch Wissenschaftler oder Politiker, die die AfD klar als Gefahr für die Demokratie einordnen. Diese einseitige Darstellung führt dazu, dass die AfD in seiner Berichterstattung unkritisch dasteht.

Journalismus zwischen Neutralität und Verantwortung

Burkhard Ewerts Artikel und seine Antworten im „360° | Das Forum“ zeigen ein .klares Muster. Die AfD wird als „Symptom“ dargestellt, nicht als Ursache. Diese Relativierung trägt zur Normalisierung einer Partei bei, die in Teilen rechtsextrem und demokratiefeindlich ist. Die NOZ hat als regionale Stimme eine besonders hohe Verantwortung, sie sollte sie nutzen, um Aufklärung zu betreiben, nicht um Verharmlosung.

Es ist Zeit, dass die NOZ – und insbesondere Burkhard Ewert – die AfD klar benennt als das, was sie ist. Nur so kann eine echte, kritische Diskussion über ihren Aufstieg geführt werden. Die Leser der NOZ verdienen eine vollständige und faktenbasierte Einordnung, nicht eine Relativierung, die die AfD als legitime Alternative erscheinen lässt.

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