Wie ein NZZ-Text in der NOZ die europäische Energiekrise im Juni ausblendet und Spitzentage mit Zeiträumen vermischt.
Die NOZ hat am 5. August einen NZZ-Text übernommen, der unter dem Titel „Die Legende vom Akw-Stillstand“ französische Atomkraftwerke als Krisengewinner der Junihitze feiert und deutsche Windräder als Wackelkandidaten vorführt. Die Rechnung geht aber nur auf, wenn man an mehreren Stellen gleichzeitig wegschaut.
Schon die Grundlage der Vergleichszahl ist schief. Die These, wonach Windräder an den Spitzentagen nur ein Zwanzigstel der Atomkraftleistung brachten, stammt aus zwei einzelnen Tagen. Andere Werte im Text, etwa zur CO2-Bilanz, sind Durchschnittswerte über zwei Wochen. Diese Vermischung von Extremwert und Zeitraumdurchschnitt ist kein Zufall, sie sorgt genau für die Dramatik, die der Text braucht.
Richtig ärgerlich wird es bei dem, was fehlt. Während der Text Frankreichs Atomkraft als stabilen Fels in der Brandung inszeniert, herrschte anderswo in Europa echte Energiekrise. Rumänien musste im August einen Felsen im Donaubett sprengen, um überhaupt noch Kühlwasser zum Atomkraftwerk Cernavodă zu bekommen, ein Reaktor stand da schon still. Die Autobauer Dacia und Ford legten ihre Produktion in Rumänien deshalb für Wochen auf Eis. In Ungarn stand das einzige Atomkraftwerk des Landes kurz vor der ersten Komplettabschaltung seit 44 Jahren, mit ihm ein Drittel des nationalen Strombedarfs. Diese Fakten passen nicht in die Erzählung vom robusten Atomstrom, deshalb tauchen sie im Text nicht auf.
Auch beim Strompreis-Rekord vom 24. Juni erzählt der Artikel nur die halbe Geschichte. Ja, Deutschland kletterte an diesem Abend auf 747 Euro je Megawattstunde. Aber Belgien lag bei über 1000 Euro, die Niederlande über 900 Euro, Dänemark bei knapp 800 Euro. Und Frankreich, das angebliche Vorbild, konnte den Nachbarländern an diesem Abend nicht vollständig aushelfen, weil der eigene Bedarf zu hoch war. Von der großen europäischen Rettungskraft der französischen Atomkraft war in dieser Nacht wenig zu spüren.
Auffällig ist außerdem, wann dieser eigentlich schon einige Wochen alte Text plötzlich wieder auftaucht. Bei den Ostfriesischen Nachrichten erschien dieselbe NZZ-Vorlage bereits am 3. August, zwei Tage vor der NOZ. Diese Verbreitungswelle fällt exakt in die Tage, in denen Rumänien seinen Felsen in der Donau sprengte und Ungarns einziges Kernkraftwerk kurz vor der ersten Komplettabschaltung seit 44 Jahren stand. Von alledem findet sich im Text kein Wort, obwohl es die zentrale These frontal infrage stellt.
Was bleibt, ist ein Text, der selektive Vergleiche mit ausgeblendeten Fakten kombiniert und dabei ausgerechnet als nüchterne Datenanalyse daherkommt. Die NOZ druckt das unkommentiert ab, ohne ein Wort zur energiepolitischen Schlagseite der NZZ, ohne Gegenrecherche, ohne Kontext, und wählt dafür ausgerechnet den Moment, in dem die Realität dem Text widerspricht. Das ist inzwischen ein Muster bei dieser Zeitung, und es wird mit jeder Wiederholung schäbiger.
Hallo Timm, vielen Dank, dem ist kaum etwas hinzu zu fügen. Dieser „Artikel“ lässt einen sprachlos zurück. Und wer nicht schon über die Überschrift „strauchelt“ (der Stillstand von AKW ist keine „Legende“, sondern – wie du ja darlegst – eine Tatsache), dem sollte allerspätestens beim Schlusssatz „Aber darüber berichten nur wenige“ (online-Ausgabe) klar sein, woher der Wind weht. Solche Ausdrücke benutzen in der Regel Anhänger:innen von „alternativen Fakten“ – klar, dass „nur wenige darüber berichten“ wenn es einfach falsch ist!
N.b.: Wer meint, dass AKW die Lösung seien, soll sie doch bauen. Inklusive detaillierter Planung und Kosten- / Bedarfsrechnung – wichtig für die Wirtschaftlichkeit bzw. den staatlichen Förderbedarf (ohne einen enormen solchen findet sich derzeit kein einziger privater Investor für AKWs). Obwohl – Katherina Reiche ist es offensichtlich völlig egal, teure Gaskraftwerke zu bauen / zu bezuschussen und die Verbraucher:innen in die Kostenfalle rennen zu lassen. Man darf gespannt sein, wie viel Sozialstaat noch abgebaut wird, um Geld d a f ü r locker zu machen….
Ich frage mich, wie viele AKW-Befürworte:innen es noch geben würde, wenn so ein Ding in der Nähe gebaut bzw. die Gewässerränder damit zugepflastert werden soll/en. Oder ein Endlager – denn dieser Bedarf verschwindet ja nicht mit der „neuen AKW-Generation“.
Wie viele andere „Artikel“ ist auch dieser wieder Wahlwerbung für „ganz rechts“. Eigentlich sollte man stutzig werden, wenn diese Leute es offensichtlich nötig haben, auf Desinformation zurück zu greifen – Konstruktives kommt da schließlich nichts.
P.S. Ich habe gerade den dpa-Artikel auf NOZ-online zu Reiches „Umbau der Energiewende“ gelesen, der nach ihren Aussagen zu niedrigeren Strompreisen führen soll.
Warum lässt man einen solchen Quatsch (Reiches Behauptungen) unkommentiert und uneingeordnet so stehen?!
Erdgas ist nach Atomkraft die teuerste(!) Art, Strom zu erzeugen – war selbst zu „billiges Russland-Gas“ -Zeiten so, denn Gaskraftwerke haben wegen krasser Unwirtschaftlichkeit jahrelang meist stillgestanden, und deren Betreiber wurden dafür entschädigt – EE trotz Einspeisevergütung die günstigste! Sie sind n i c h t der „Kostentreiber“. Und kein Wort zu den hohen Subventionen fossiler Energieerzeugung!
Warum wohl haben so viele Länder unser EEG (das ursprüngliche) übernommen?! Warum boomen die Erneuerbaren weltweit so stark?!
Das ist Verar…..der Bevölkerung – und eine, die uns sehr, sehr teuer zu stehen kommen wird!
Es wäre die Aufgabe von der selbst ernannten „vierten Gewalt“, d a s zu entlarven, nicht, dem noch eine Bühne zu geben.
Hallo Sabine, vielen Dank für die substantiellen Kommentare.
Dein Punkt zur Überschrift ist wirklich gut beobachtet. „Legende“ im Titel und dann „aber darüber berichten nur wenige“ im Schlusssatz, das ist tatsächlich ein klassisches Muster, auch und besonders von der NOZ angewandt. Es suggeriert eine unterdrückte Wahrheit, die angeblich nur der eigene Text ans Licht bringt, während in Wahrheit die Faktenlage einfach komplizierter ist als die Überschrift behauptet. Besonders praktisch, wenn man so „schreiben“ kann, ohne Kommentare auf derselben Plattform dazu fürchten zu müssen.
AKW isch over, da sind wir uns einig.
Reiche betont in ihrer Meldung bereits, dass sich Preise für Strom frühestens ab 2030 senken würden. Sie denkt eben wirklich nur in Stromerzeugung durch das Verbrennen fossiler Energieträger. Genau dafür wurde sie aber ja leider auch installiert. Es ist wirklich eine Schande, Umverteilung von unten nach oben.