Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Schlagwort: AfD (Seite 2 von 7)

Normalisierung durch Format: Warum das NOZ-Interview mit Peter Felser ein redaktionelles Problem ist

Die NOZ interviewt einen AfD-Politiker wie jeden anderen Parlamentarier, ohne Hinweis auf die Verfassungsschutz-Einstufung. So funktioniert Normalisierung; nicht durch Zustimmung, sondern durch Format.

Hallo NOZ, hallo Herr Ludwig,

das Interview mit AfD-Bundestagsabgeordnetem Peter Felser zum Trump-Xi-Gipfel folgt einem Format, das die NOZ für jeden anderen Politiker auch verwendet; fünf Fragen, neutrale Einleitung, keine redaktionelle Distanzierung. Genau das ist das Problem.

Die AfD ist in Niedersachsen und anderen Bundesländern gesichert rechtsextrem eingestuft. Wer einen Vertreter dieser Partei wie jeden anderen Parlamentarier interviewt, behandelt sie wie jede andere Partei. Das ist eine redaktionelle Entscheidung mit Konsequenzen, keine Selbstverständlichkeit.

Besonders problematisch ist das Fehlen eines konkreten Kontexts, der in diesem Interview zwingend gehört hätte. Peter Felser äußert sich als Vorsitzender der Deutsch-Chinesischen Parlamentariergruppe seiner Fraktion. Doch sein Parteifreund Maximilian Krah hat durch den fahrlässigen Umgang mit Zugangsdaten seinem Büromitarbeiter jahrelang ermöglicht, vertrauliche EU-Parlamentsdokumente an einen chinesischen Geheimdienst weiterzugeben. Das Dresdner Oberlandesgericht verurteilte den Mitarbeiter im September 2025 in dem nach Einschätzung der Bundesanwaltschaft schwersten Fall chinesischer Spionage in Deutschland. Wer Felser als AfD-China-Experten präsentiert, ohne diesen Sachverhalt zu erwähnen, blendet für die Einordnung seines Statements einen wesentlichen Kontext aus.

Das ist kein Angriff auf die Person, sondern eine Frage journalistischer Sorgfalt. Einordnung gehört zum Handwerk.

Mit freundlichen Grüßen

Ewerts AfD-Erklärung: Fünf Gründe, die keine sind

Burkhard Ewert erklärt den AfD-Aufstieg mit staatlichem Versagen, und vergisst dabei zu erwähnen, dass die Partei gesichert rechtsextrem ist. Eine strukturelle Entlastungsrhetorik mit Disclaimer.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

Ihr Kommentar zum AfD-Aufstieg ist handwerklich geschickt, und analytisch unredlich. Er listet fünf staatliche Versäumnisse auf, die den AfD-Zulauf „erklären“, und stellt am Ende fest, die Partei habe dennoch keine Lösungen. Dieser Disclaimer ändert nichts am Gewicht des Textes. Er ist eine Entlastungsrhetorik für eine gesichert rechtsextreme Partei, die an keiner Stelle als solche benannt wird.

Das ist kein Zufall, sondern Methode. Wer den Aufstieg der AfD ausschließlich aus staatlichem Fehlverhalten ableitet, übernimmt ihr eigenes Narrativ; die Partei als vernünftige Reaktion auf unvernünftige Politik. Was dabei strukturell fehlt, ist die Frage, wofür die AfD tatsächlich steht, Remigration, völkisches Staatsverständnis, Angriffe auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung, eine Einstufung durch den Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem. Nichts davon kommt vor.

Stattdessen erklärt Ewert, Menschen ließen sich „nicht für dumm verkaufen“, und reproduziert damit exakt das Selbstbild, das die AfD von sich pflegt: als Stimme derer, die die Wahrheit sagen, während alle anderen lügen. Dass dieser Satz im Kommentar eines Chefredakteurs steht, ohne jede kritische Distanz, ist bemerkenswert.

Die fünf Beispiele sind beliebig genug, um fast alles zu „erklären“. Ein Naturschutzveto gegen ein Trance-Festival, das Tempolimit, Beamtengehälter, das sind Politikfelder, auf denen man trefflich streiten kann. Als Erklärung für den Zulauf zu einer Partei, die den Rechtsstaat offen delegitimiert, taugen sie nicht. Sie lenken ab: von der Frage, warum Menschen eine verfassungsfeindliche Partei wählen, hin zur Frage, was der Staat falsch macht.

Journalismus, der den Aufstieg des Rechtsextremismus erklärt, ohne das Wort zu benutzen, erklärt nichts. Er normalisiert.

Mit freundlichen Grüßen

Klassenprimus Dobrindt – und die NOZ lobt mit

Rena Lehmann adelt Dobrindt als „Konsensmaschine“, während auf derselben Seite Spaniens pragmatische Migrationspolitik steht. Ein Kontrast, den die NOZ nicht kommentiert.

Hallo NOZ, hallo Frau Lehmann,

der Meinungsbeitrag von Rena Lehmann über Alexander Dobrindt ist ein Lehrstück in wohlwollender Porträtierung. Der Innenminister wird als nachdenklicher Pragmatiker gezeichnet, der Polarisierung zurückdrängen will und dabei auf seine Sprache achtet. Was fehlt, sind die Maßstäbe.

Denn auf derselben Seite steht ein Artikel über Spanien, der zeigt, was eine andere Migrationspolitik konkret bedeuten kann; Legalisierung, Integration, wirtschaftliche Vernunft. Dieser Kontrast bleibt unkommentiert. Die Juxtaposition ist zufällig, und gerade deshalb aufschlussreich.

NOZblog

Dass Dobrindts Zurückweisungen an den Grenzen rechtlich auf „dünnem Eis“ stehen, erwähnt der Artikel immerhin, um es sofort wegzuerklären. Kein Grundsatzurteil bisher, Glück gehabt. Dass das Berliner Verwaltungsgericht bereits im Juni 2025 entsprechend geurteilt hat, das Innenministerium dies aber als „Einzelfall“ abtat und die Praxis einfach weiterführte, ist kein Kleinreden, sondern ein handfester Rechtsbruch auf Probe. Das verdient mehr als einen Nebensatz.

Ebenso auffällig ist, dass der Rückgang der Asylzahlen Dobrindt als Erfolg zugeschrieben wird, obwohl der Artikel selbst Migrationsforschern zitiert, die ihn vor allem auf den Sturz des Assad-Regimes zurückführen. Das ist ein erheblicher Widerspruch, der im Text aber nicht als solcher behandelt wird, sondern als Dobrindt-Zitat über das „Kleinreden“ seiner Gegner.

Schließlich, Lehmanns Schlussbemerkung, Dobrindt sei „ganz zufrieden mit sich“, klingt wie ein Befund, ist aber das Ergebnis eines Gesprächs ohne Aufzeichnung, auf Wunsch des Ministers. Welchen Erkenntnisgewinn ein solches Porträt jenseits des Selbstbilds des Porträtierten hat, bleibt offen.

Wer Friedrich Merz als kühlen Realisten adelt und Dobrindt als Klassenprimus, betreibt kein Nachrichtenmagazin, sondern Begleitmusik zur Regierung. Das ist eine redaktionelle Entscheidung, die man treffen kann, sie sollte aber als solche erkennbar sein.

Mit freundlichen Grüßen

Eichenlaub und Entlastungsrhetorik – wie Philipp Ebert Kritik an der AfD-Jugend zum eigentlichen Problem erklärt

Nicht die AfD-Jugend ist das Problem, sondern wer ihre Symbolstrategie benennt? Philipp Ebert liefert in der NOZ klassische Entlastungsrhetorik – und bedient damit genau das Framing, das rechtsextreme Normalisierung braucht.

Hallo NOZ, hallo Herr Ebert,

der Kommentar zur Eichenlaub-Symbolik der AfD-Jugend ist ein Musterbeispiel für eine Argumentationsfigur, die in der NOZ regelmäßig auftaucht. Die eigentliche Kritik wird nicht widerlegt, sondern als Ursache des Problems umgedeutet.

Der entscheidende Satz steht am Ende. Wer Symbole wie „Heimat“ oder eben das Eichenlaub unter „Ideologieverdacht“ stelle, treibe die Menschen in die Arme der Ideologen. Die Logik dahinter; nicht die AfD-Jugend ist das Problem, sondern wer ihre Symbolwahl problematisiert.

Das ist rhetorisch geschickt, analytisch aber falsch. Die Jugendorganisation einer Partei, die der Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem einstuft, nutzt kulturelle Symbole nicht zufällig. Die gezielte Besetzung von Begriffen wie „Heimat“, „Volk“ oder eben nationaler Natursymbolik ist eine dokumentierte Strategie der extremen Rechten, um Anschlussfähigkeit herzustellen und die eigene Ideologie in der politischen Mitte zu verankern. Das benennen Medien- und Extremismusforscher seit Jahren.

Wer diese Symbolaneignung analysiert und benennt, betreibt keine Hysterie und treibt niemanden zur AfD. Wer sie hingegen als kulturelles Allgemeingut neutralisiert und Kritiker daran als eigentliche Treiber der Radikalisierung darstellt, betreibt genau das Framing, das die AfD-Strategie zum Erfolg braucht.

Die Eiche gehört nicht der AfD. Aber sie gehört auch nicht zur Entlastungsrhetorik.

Mit freundlichen Grüßen

Fremd in der eigenen Partei – vertraut in der NOZ. Wie das Lucassen-Porträt AfD-Normalisierung betreibt

Die NOZ porträtiert AfD-Politiker Rüdiger Lucassen als nachdenklichen Pragmatiker mit Finca und Oper-Hobby – direkt neben einem Bericht über rechtsextreme Angriffe auf Zivilgesellschaft. Kein Satz verbindet beide Texte. Kein Satz nennt, was der Verfassungsschutz längst festgestellt hat. Es ist nicht der erste Fall.

Hallo NOZ, hallo Herr Wiegelmann,

der Artikel über Rüdiger Lucassen ist handwerklich solide geschrieben. Genau das ist das Problem.

Ein ausführliches Porträt, das einen AfD-Politiker als nachdenklichen Pragmatiker inszeniert (mit Familienfotos, Finca in Südspanien, rollendem R aus Schleswig-Holstein) leistet unabhängig von der Absicht des Autors journalistische Normalisierungsarbeit. Lucassen erscheint als couragierter Realist, der gegen interne Fanatiker kämpft. Dass er bei einer Partei bleibt, die der Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem einstuft, und das auch noch selbst erklärt, wird nicht als Widerspruch markiert, sondern als ehrliche Selbstauskunft eines integeren Mannes verpackt.

Dabei liefert Lucassen die Einordnung frei Haus. Er sagt, er grüble darüber, „wie ein Nationalstaat mit 25 Prozent aus Migranten auf Dauer bestehen kann“. Er sagt, seine Parteizugehörigkeit sei eine „negative Ausgrenzung“, es gebe keine andere Möglichkeit. Er sagt, er werde in fünf Jahren vermutlich in gar keiner Partei mehr sein. Das ist kein Profil eines gemäßigten Korrektivs. Das ist das Profil eines Mannes, der weiß, woran er teilnimmt, und es trotzdem tut.

Erschwerend kommt die Platzierung hinzu. Direkt neben dem Lucassen-Porträt berichtet die NOZ über den Amadeu-Antonio-Bericht zu systematischen Angriffen rechtsextremer Akteure auf zivilgesellschaftliche Initiativen. Kein redaktioneller Hinweis verbindet beide Texte. Kein Satz stellt die Frage, ob die Partei, deren „bürgerliches Gesicht“ hier porträtiert wird, und die Kräfte, die Jugendzentren angreifen und Demokratieinitiativen diffamieren, dasselbe politische Projekt verfolgen.

NOZblog

UPDATE – Am 01.04.2026 15:35 schrieb Wiegelmann, Lucas:

Hallo Herr Reichl,

haben Sie vielen Dank für Ihre Nachricht und Ihre Anmerkungen. Auch wenn es kritische Hinweise sind, empfinde ich die Ernsthaftigkeit und Sachlichkeit, mit der Sie mir schreiben, vor allem als große Wertschätzung, und das ja auch nicht zum ersten Mal. Sie können sich denken, dass Journalisten auch ganz andere Zuschriften bekommen. Also dafür erst einmal danke.

Rein inhaltlich werfen Sie völlig zurecht die Frage auf, wie die Medien angemessen mit der AfD umgehen können. Das ist die
Gretchenfrage im politischen Journalismus, die auch unsere Redaktion und mich ganz persönlich buchstäblich seit Jahren umtreibt. Ich habe leider keine abschließende Antwort. Wir ringen bei jedem Text immer neu darum.

Wie Sie wissen, gibt es sozusagen zwei Schulen. Die eine sagt, die Aufgabe des Journalismus in Zeiten des Populismus sei das
Zurückdrängen der AfD. Die andere sagt, die Aufgabe des Journalismus sei die Überparteilichkeit gegenüber allem und jedem. Beide Schulen haben gute Argumente.

Bei meinem Text über Rüdiger Lucassen habe ich mich an einem
Mittelweg versucht. Ich wollte, wie das immer so schön heißt, mit der AfD sprechen und nicht über sie. Zugleich wollte ich mich fernhalten von Rechtsextremen, weil die für mich keine
Ansprechpartner sein können. Und ich wollte den Lesern ermöglichen, sich selbst ein Bild von dieser Person, ihrem Werdegang, ihren Thesen und ihrem Erscheinungsbild zu machen, statt dass ich selbst diese Figur bewerte. Ich war davon ausgegangen, dass das dann schon aussagekräftig genug sein wird: Show, don't tell.

Inwieweit mir das gelungen ist, müssen natürlich Sie und andere Leser beurteilen. Wenn Ihnen das Porträt bei aller versuchten Distanz zu positiv ausgefallen ist, werden das sicher noch weitere Leser so empfunden haben. Anderen (zum Beispiel manchen AfD-Anhängern, die sich ebenfalls bereits Luft gemacht haben) mag die Darstellung zu negativ gewesen sein.

Was ich aber schon festhalten möchte: Sie selbst begründen Ihre politische Ablehnung von Lucassen ja ironischerweise gar nicht mit anderen Quellen, sondern ausgerechnet mit Passagen aus meinem Text.
Sie verweisen auf Lucassens Satz über die Migranten, der auf einen ethnischen Volksbegriff schließen lässt, und können nicht verstehen, dass dieser Mann in einer Partei mitmacht, in der es auch Rechtsextreme gibt. Dass Herr Lucassen diese "Einordnung frei Haus" liefere, wie Sie schreiben, stimmt eben nicht: Die NOZ, Ihre Zeitung, hat diese Informationen recherchiert, ausgewählt und aufgeschrieben.
Und zwar aus der Überzeugung heraus, dass sie etwas über diesen Politiker und seine Partei aussagen, was man ohne solche journalistischen Beiträge eben nicht erführe.

Sie schreiben: "Das ist das Profil eines Mannes, der weiß, woran er teilnimmt, und es trotzdem tut." Wenn das der Eindruck ist, der bei Ihnen nach der Lektüre dieses NOZ-Artikels hängen geblieben ist, hat der Artikel zumindest in Ihrem Fall doch sehr zur Aufklärung über die AfD beigetragen.

Beste Grüße!
Lucas Wiegelmann

UPDATE – ich antwortete am 01.04.2026 darauf:

Hallo Herr Wiegelmann, vielen Dank für Ihre ausführliche und faire Antwort. Ich nehme Ihren stärksten Punkt ernst. Ich habe Ihre Recherche genutzt, um Ihre Darstellung zu kritisieren. Das ist ein echter Widerspruch, aber er löst das Problem nicht, er benennt es nur anders. „Show, don’t tell“ ist ein legitimes journalistisches Prinzip. Es setzt jedoch voraus, dass der Leser den Kontext mitbringt, den der Journalist stillschweigend voraussetzt. Wer weiß, dass die AfD als gesichert rechtsextrem eingestuft ist, liest Lucassens Satz über die Migranten anders als jemand, dem das nicht präsent ist. Ihr Text liefert die Aussagen, aber nicht den institutionellen Rahmen, der ihre Tragweite erst vollständig macht. Dieser Rahmen wäre keine Wertung gewesen und keine Parteinahme für eine der beiden Schulen, sondern die Wiedergabe eines rechtsstaatlichen Befunds. Ihre Unterscheidung zwischen „Zurückdrängen“ und „Überparteilichkeit“ halte ich für eine falsche Alternative, die den eigentlichen Maßstab verfehlt. Die Verfassungsschutz-Einstufung ist kein politisches Urteil, das man teilen oder ablehnen kann. Sie ist ein rechtsstaatlicher Befund. Ihn in einem ausführlichen Porträt wegzulassen ist keine Neutralität. Es ist eine Entscheidung, deren Konsequenzen der Text trägt, ob gewollt oder nicht. Und dann ist da noch die Platzierung. Direkt unter Ihrem Lucassen-Porträt berichtet die NOZ über systematische rechtsextreme Angriffe auf Zivilgesellschaft. Kein Satz verbindet beide Texte. Das ist keine Kritik an Ihnen persönlich, aber es ist eine Frage, die sich die Redaktion stellen lassen muss. Wer verantwortet den Resonanzraum, den solche Nebeneinanderstellungen erzeugen? Sie schreiben, der Artikel habe „zumindest in meinem Fall zur Aufklärung beigetragen“. Das stimmt. Aber ich bin ein Leser, der die Verfassungsschutz-Einstufung kennt, Ihre früheren Texte verfolgt und einen Leserbrief schreibt. Die meisten Leser tun das nicht. Journalismus, der nur für aufmerksame Kenner funktioniert, hat sein Ziel verfehlt. Mit freundlichen Grüßen

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