Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

Schlagwort: Medienkritik (Seite 6 von 12)

Falsche Symmetrie: Wie Rena Lehmanns Kriminalstatistik-Kommentar AfD und Linke gleichsetzt

Die NOZ nennt die AfD beim Namen, verschweigt aber ihre Verfassungsschutz-Einstufung. Und stellt sie rhetorisch auf eine Ebene mit parlamentarischer Linken. Das ist keine Ausgewogenheit, das ist Relativierung.

Hallo NOZ, hallo Frau Lehmann,

der Kommentar zur Kriminalstatistik benennt reale Probleme, arbeitet dabei aber mit einer Gleichsetzung, die der Faktenlage nicht standhält.

Lehmann schreibt, die AfD bediene sich einer Sprache der Spaltung. Das stimmt.

Doch der entscheidende Kontext fehlt. Die AfD ist vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft. Das ist kein Meinungsurteil, sondern eine institutionelle Feststellung über eine Partei, welche die freiheitlich-demokratische Grundordnung aktiv bekämpft. Diesen Unterschied zu benennen wäre die Aufgabe eines Leitkommentars gewesen.

Stattdessen stellt der Text AfD-Rhetorik und linke Gegenmobilisierung in eine Parallelkonstruktion, die strukturelle Gleichwertigkeit suggeriert. Wer eine verfassungsfeindliche Partei und parlamentarische Linke, die zur Gegenwehr aufrufen, rhetorisch auf eine Ebene zieht, relativiert nicht beide Seiten gleich. Er relativiert vor allem eine.

Das „Hochschaukeln“ der Extreme klingt ausgewogen. Es verwischt aber, dass Ursache und Reaktion keine symmetrischen Phänomene sind.

Mit freundlichen Grüßen

Reichelt als Märtyrer, Ebert als Autor. Wie die NOZ ein Verschwörungsgeschäftsmodell zur Medienkritik adelt

Philipp Ebert verteidigt in der NOZ Reichelts BVG-Posse als Beitrag zur Meinungsfreiheit. Dabei fehlt das Wesentliche, Reichelt verbreitete ein Motiv ohne BVG-Freigabe unter deren Markennamen. Aus Regelbruch wird Märtyrergeschichte.

Hallo NOZ, hallo Herr Ebert,

Ihr Beitrag zur BVG-Nius-Affäre liest sich wie ein Entlastungszeugnis für Julian Reichelt, verpackt in scheinbar ausgewogene Medienkritik.

Das Grundproblem liegt nicht darin, ob Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk berechtigt ist. Sie kann es sein, und manchmal ist sie es. Das Problem liegt in der Auswahl dessen, was Sie als Beleg anführen. Der NDR-Fall um Julia Ruhs war intern umstritten und keineswegs so eindeutig, wie er hier erscheint. Das ZDF-Bild war ein Fehler, der öffentlich korrigiert wurde, also genau das, was journalistische Rechenschaftspflicht bedeutet. Und der Bericht über christliche Kirchen wurde gelöscht, was auf internes Qualitätsbewusstsein hindeutet, nicht auf strukturelle Feindseligkeit.

Dass ausgerechnet diese Beispiele herhalten müssen, um Reichelts Werbespruch zu rehabilitieren, ist eine argumentative Entscheidung, keine Analyse.

Denn was Reichelt mit dem Slogan „was einem verschwiegen wird“ betreibt, ist nicht Medienkritik, sondern Verschwörungsrhetorik als Geschäftsmodell. Wer systematisch das Bild zeichnet, etablierte Medien hielten Informationen zurück, befeuert Misstrauen, das er dann selbst kommerziell nutzt. Das ist nicht dasselbe wie die Frage, ob die Tagesschau gelegentlich Fehler macht.

Bemerkenswert ist auch, was im Text fehlt. Dass das beanstandete Motiv mit dem Zwei-Geschlechter-Spruch von Reichelt selbst hochgeladen wurde und explizit als „neues Werbemotiv“ angepriesen wurde, ohne BVG-Freigabe, wird in Ihrem Meinungsstück zur Fußnote. Die BVG hat nicht eine politische Meinung verboten, sondern auf ein Motiv reagiert, das unter ihrem Markennamen verbreitet wurde, ohne ihr Wissen und ohne Freigabe. Das ist ein relevanter Unterschied.

Dass Reichelt diese Situation in eine Geschichte über „totalitäre Staatskonzerne“ ummünzt und Sie das als gelungene Verwandlung eines Elfmeters beschreiben, sagt mehr über den Reflex aus, Reichelt als Freiheitskämpfer zu rahmen, als über den Zustand der Debattenkultur.

Die leidet tatsächlich. Aber weniger an der BVG als an Akteuren, die Empörung als Produkt verkaufen.

Mit freundlichen Grüßen

Wahlkampfhilfe durch Weglassen: Wie die NOZ das AfD-Rentenprogramm zur Politikoption adelt

Halbseitige AfD-Rentenvorschläge in der NOZ, ohne Verfassungsschutzeinstufung, ohne echte Prüfung. Wer einer gesichert rechtsextremen Partei so viel Raum gibt, betreibt ungewollt Normalisierung. Das ist das eigentliche Problem.

Hallo NOZ, hallo Herr Gerstenlauer,

der Artikel „Geburtenprämie statt Entwicklungshilfe?“ vom 08.06.2026 stellt das rentenpolitische Programm der AfD auf einer halben Seite vor. Was fehlt, ist das Wesentliche, die journalistische Einordnung.

Dass die AfD Rentenniveau, Kindergeld und Sparkonten verspricht, obwohl ihre eigene Rechnung mehr als 140 Milliarden Euro zusätzlich im Jahr verschluckt und eine Beitragserhöhung von vier Prozent impliziert, wird zwar erwähnt, aber nicht bewertet. Der Widerspruch zwischen ambitionierten Ausgabenversprechen und gleichzeitiger Ablehnung der Schuldenbremse ist kein Randdetail, sondern das Herzstück des Programms. Genau das müsste Mittelpunkt der Berichterstattung sein, nicht Fußnote.

Vollständig ausgeblendet bleibt, dass die AfD bundesweit vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft wird. Das ist kein semantisches Detail, es ist der Kontext, ohne den jede Auseinandersetzung mit ihren Programminhalten im Ungefähren bleibt. Wer die Rentenvorschläge einer Partei referiert, die mehrfach gerichtlich wegen verfassungsfeindlicher Positionen auffiel, und den Verfassungsschutzstatus nicht einmal erwähnt, betreibt keine Sachberichterstattung.

Und das führt zum eigentlichen Problem dieses Artikels. Wer einer gesichert rechtsextremen Partei auf einer halben Seite Raum gibt, ihre Programmpunkte als diskutable Politikoptionen zu präsentieren, ohne diesen Kontext zu benennen, betreibt ungewollt Wahlkampfhilfe. Die AfD profitiert genau von dieser Art Berichterstattung, von institutioneller Behandlung durch ein Qualitätsmedium mit sechsstelliger Reichweite, das ihre Sprecher als seriöse Ansprechpartner führt und ihrem Programm Legitimität verleiht. Das ist die Normalisierung, vor der Medienforscher seit Jahren warnen.Schielke-Ziesings vage Formel von der „Neupriorisierung“ und den „mehr als 100 Milliarden Euro finanziellem Freiraum“ bleibt im Artikel unwidersprochen stehen. Woher genau das Geld kommen soll, wird nicht herausgearbeitet. Der Text zitiert die AfD, prüft sie aber kaum.

Sachberichterstattung über Parteiprogramme braucht Maßstäbe, die für alle Parteien gleich gelten. Dass die AfD gesichert rechtsextrem ist, gehört beim Namen genannt. Wer das weglässt, gibt einer antidemokratischen Partei eine Bühne, die sie sich im fairen Wettbewerb der Argumente nicht verdient hätte.

Mit freundlichen Grüßen

Wenn demokratischer Widerstand zur Symbolpolitik wird: Die NOZ und das AfD-Framing

Die NOZ nennt die AfD „zugelassen“ und „provozierend“, verschweigt „gesichert rechtsextremistisch“ und erklärt demokratischen Widerstand zur Symbolpolitik. Wer das Framing der AfD reproduziert, macht sich der Normalisierung schuldig.

Hallo NOZ, hallo Herr Schönstedt,

der Kommentar „Billige Symbolpolitik“ reproduziert ein Argumentationsmuster, das weniger analysiert als normalisiert.

Der Text dreht eine politisch folgenreiche Frage um. Wer einer rechtsextremen Partei keine Bühne bieten will, betreibt laut Schönstedt „Aktionismus“ und beschädigt den Rechtsstaat. Das Opfer ist nicht die Demokratie, sondern der Reeder.

Dass der Verfassungsschutz die AfD als gesichert rechtsextremistisch einstuft, kommt im Text wie von der NOZ mittlerweile gewohnt nicht vor. Was vorkommt ist, sie sei „zugelassen“. Das stimmt juristisch, erklärt politisch aber nichts. Die Zulassung einer Partei ist kein Argument dagegen, ihr öffentlich die Kooperation zu verweigern.

Besonders aufschlussreich ist der Gesinnungscheck-Vergleich. Wer AfD-Veranstaltungen meidet, müsste demnach auch Handwerker nach ihrer Partei fragen. Das ist absurd, weil es den Unterschied zwischen einem Alltagsgeschäft und der bewussten Bereitstellung einer Plattform für eine rechtsextreme Fraktion einebnet. Ein Raddampfer für eine Fraktionsveranstaltung ist kein Rohrbruch.

Der Beschluss des Sylter Hauptausschusses ist demokratischer Widerstand. Ihn als billige Symbolpolitik abzutun und gleichzeitig die AfD als bloß „provozierende“, aber legitime Partei darzustellen, ist keine Einordnung. Es ist Framing im Sinne der Partei, die man angeblich nur kritisch begleiten will.

Mit freundlichen Grüßen

Update vom 09.06.2026, Post von Herrn Schönstedt

Sehr geehrter Herr Reichl,

haben Sie vielen Dank für Ihre scharfe und fundierte Kritik an meinem Kommentar. Ich schätze es sehr, wenn Leser so tief und präzise in die Argumentationsstrukturen einsteigen.Sie sprechen einen wesentlichen Punkt an: Natürlich gibt es einen qualitativen Unterschied zwischen einer alltäglichen Handwerksleistung und dem bewussten Bereitstellen einer großen, öffentlichen Plattform für eine Fraktion, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Dass mein Vergleich diese Nuance ein Stück weit einebnet, ist ein berechtigter Einwand, den ich gerne mitnehme.Der Kern meines Arguments liegt jedoch auf einer anderen Ebene – nämlich bei der Rolle staatlicher Institutionen: Wenn ein offizielles politisches Gremium wie der Hauptausschuss eine Drohkulisse gegen einen Unternehmer aufbaut, um die Stornierung eines legalen Vertrages zu erzwingen, überschreitet die Politik aus meiner Sicht eine rote Linie. Für mich ist das schädliche Pranger-Politik, kein „demokratischer Widerstand“.Selbstverständlich trifft es in diesem konkreten Fall eine Partei, bei der viele von uns – mich eingeschlossen – eine Abgrenzung grundsätzlich für notwendig erachten. Aber was passiert, wenn staatliche Organe ein solches Machtmittel das nächste Mal gegen eine Sache oder eine Meinung aufbauen, die uns am Herzen liegt? Wenn die Politik anfängt, das Wirtschaftsleben per moralischem Druck zu lenken, ist das ein gefährlicher Präzedenzfall, der den Spielregeln unseres Rechtsstaates langfristig schadet.

Dass Sie die Prioritäten angesichts der Bedrohung durch den Rechtsextremismus anders setzen, respektiere ich vollkommen. Genau über diese Grenzen muss und darf in einer Demokratie gestritten werden.Vielen Dank für Ihren wertvollen Beitrag zu diesem Diskurs.

Mit freundlichen GrüßenJan Schönstedt

Meine Replik dazu:

Hallo Herr Schönstedt,

vielen Dank für Ihre offene Antwort und die Bereitschaft, den Handwerker-Vergleich zu überdenken.

Ihr Kernargument verstehe ich, Staatliche Institutionen, die Druck auf Unternehmer ausüben, schaffen einen Präzedenzfall. Die Frage ist, ob dieser Präzedenzfall-Einwand hier trägt.

Eine öffentliche Resolution und der Appell einer Bürgermeisterin sind kein staatlicher Zwang. Kein Vertrag wurde aufgelöst, kein Ordnungsrecht eingesetzt, keine Lizenz entzogen. Was stattfand, war politische Meinungsäußerung durch gewählte Vertreter gegenüber einem Bürger. Das ist keine Drohkulisse im rechtsstaatlichen Sinne, sondern demokratische Kommunikation. Ob das klug war, kann man diskutieren. Ein Verfassungsproblem ist es nicht.

Der Präzedenzfall-Einwand hat zudem eine Leerstelle. Er funktioniert nur, wenn man die AfD als normale Partei behandelt, bei der die gleichen Regeln gelten wie bei jeder anderen. Aber genau das ist der Streitpunkt. Eine Partei, die vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wird, ist nicht einfach eine Meinung unter vielen. Wer trotzdem mit dem Präzedenzfall-Argument arbeitet, ohne diese Einstufung zu benennen, normalisiert die Partei implizit. Das war meine Ausgangskritik, und die bleibt.

Mit freundlichen Grüßen

Halbwahrheiten statt Analyse. Was Rena Lehmann in der NOZ am DGB-Steuerkonzept verschweigt

Rena Lehmann wirft dem DGB Populismus vor, weil er Sozialkürzungen kritisiert. Arbeitgeberverbände dürfen dagegen ungestört lobbyieren. In der NOZ gilt Interessenvertretung offenbar nur für eine Seite.

Hallo NOZ, hallo Frau Lehmann,

Rena Lehmanns Kommentar zum DGB-Steuerkonzept hat eine eigentümliche Struktur. Er beginnt mit einem sachlichen Befund, dem sie sogar zustimmt, und endet mit dem Vorwurf des Populismus. Was dazwischen liegt, überzeugt allerdings so gar nicht.

Die Behauptung, schon ein Handwerksbetrieb oder ein Hausbesitzer in guter Lage falle unter den DGB-Begriff „reich“, ist nicht belegt. Das DGB-Konzept sieht ausdrücklich Freibeträge für Betriebsvermögen vor. Wer das weglässt, zeichnet ein falsches Bild.

Dass die oberen zehn Prozent rund die Hälfte des Einkommensteueraufkommens zahlen, ist richtig. Aber dieser Anteil entspricht annähernd ihrem Anteil am Gesamteinkommen. Solidarität ist kein Opfer, wenn man gemessen am eigenen Einkommen nicht überproportional belastet wird.

Der Hinweis auf den Spitzensteuersatz lässt zudem die entscheidende Information weg. Er greift heute bereits ab einem zu versteuernden Jahreseinkommen von rund 67.000 Euro, also in einem Bereich, der von Ökonomen aller Couleur als Fehler im System gilt. Der DGB will genau das korrigieren, indem die hohen Sätze erst bei deutlich höheren Einkommen einsetzen sollen. Das wäre eine Entlastung der Mitte, nicht ihre Belastung.Schließlich der Populismusvorwurf. Der DGB benennt geplante Sozialkürzungen als sozialen Kahlschlag, das ist eine Positionsäußerung im Vorfeld eines Spitzengesprächs, also genau das, was Interessenvertretung bedeutet. Wer das als Verweigerung von Kompromissbereitschaft wertet, legt den Gewerkschaften eine Schweigeverpflichtung auf, die für Arbeitgeberverbände offenbar nicht gilt.

Mit freundlichen Grüßen

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