Leserbriefe, Medienkritik & politische Analysen

„Wenn es in der Mitte einsam wird …“ – Wie Burkhard Ewert die Hufeisentheorie zur Beschreibung macht

Ewerts NOZ-Kommentar zur Wahl in Berlin und MV setzt „linke“ und „rechte Radikale“ gleich. Ein Abgleich mit der Ausgabe vom 21.09.2026 zeigt Lücken.

Hallo NOZ, hallo Herr Ewert,

Ihr Kommentar „Wenn es in der Mitte einsam wird …“ auf der Titelseite vom 21. September beginnt mit einer Gleichung, „Rechte Radikale sind die großen Gewinner der Wahl in Schwerin, linke Radikale sind es in Berlin.“ Die Symmetrie setzt sich fort. Beide Seiten stünden für „moralische und machtorientierte Maximalpositionen“, man könne sie „den Parteien am Rand überlassen“, dort seien sie „gut aufgehoben“. Das ist die Logik der Hufeisentheorie, und sie wird als Beschreibung präsentiert, nicht als Position.

Ein Blick in dieselbe Ausgabe zeigt, wie wenig die Gleichsetzung von den eigenen Seiten gedeckt ist. Christian Andresen beschreibt auf Seite 3, dass die Linke in Mecklenburg-Vorpommern mit 6,2 bis 7,4 Prozent deutlich verliert und für Manuela Schwesig „als Regierungspartnerin erhalten“ bleibt. Ein Gewinner ist sie dort nicht. Tobias Schmidt schreibt auf Seite 1, in MV wolle „niemand“ mit der AfD regieren, und diskutiert zugleich eine Koalition mit der Linken als reguläre Option.

NOZblog

In Berlin porträtiert Katharina Wiechers Elif Eralp als Juristin aus einer Akademikerfamilie, die mit dem Mietenthema antritt und sich auf einen erfolgreichen Volksentscheid von 2021 beruft. Man kann Vergesellschaftung ablehnen, ein Umsturzprogramm ist es nicht. Die im Porträt genannte Kritik am Neuköllner Bezirksverband ist ernst zu nehmen, betrifft aber einen Verband, von dem sich Eralp distanzierte.

Bundeskanzler Merz sagte am Wahlabend, das Vertrauen in die Institutionen werde „von radikalen Parteien links und rechts aktiv untergraben“. Damit nennt er die AfD im selben Atemzug wie eine Partei, die in Schwerin seit fünf Jahren mitregiert. Ihr Kommentar liefert dafür den Deutungsrahmen, ohne ihn zu begründen.

Absicht? Wer weiß. Ich beschreibe hier nur, was der Text bei Leserinnen und Lesern bewirkt. Er stellt zwei Parteien mit unterschiedlichem Status auf eine Stufe. Meine Fragen, worauf stützt sich die Gleichsetzung, und wie verträgt sie sich mit der Berichterstattung Ihrer eigenen Kollegen?

Mit freundlichen Grüßen

NOZblog

Trag dich für den NOZblog-Newsletter ein, um jeden Sonntag die Beiträge der Woche in deinen Posteingang zu bekommen.

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

3 Kommentare

  1. Jürgen

    Ewert: „Insofern hat jeder seinen Anteil an dieser Entwicklung, der in den vergangenen Jahren die Spaltung befeuert hat – gleich auf welcher Seite, gleich auch, ob im guten Glauben oder nicht: Die Ergebnisse lassen sich jetzt besichtigen.“
    Handelt es sich hier um einen Anflug von Selbsterkenntnis, oder gar Reue? Ewert, der Spalter schlechthin, spielt hier den besorgten Kommentator.

    • Jürgen

      … was mir noch aufgefallen ist:
      in der Online Ausgabe stellt Ewert „Radikale Rechte“ (in Schwerin) und „linke Radikale“ (in Berlin) nebeneinander, d.h. in einem Fall liegt die Betonung auf „Rechte“ und im anderen auf „Radikale“. Man müsste hier jetzt Text-Exegese betreiben, aber es lohnt sich schon, bei ihm auf die Feinheiten zu achten 😉

  2. Sabine Driehaus

    Wer einen Volksentscheid(!) umsetzen will, ist nicht „radikal“ – oder ist das Volk „radikal“?
    Antisemitische Äußerungen gibt es nicht nur „rechtsaußen“ oder „linksaußen“; sie ziehen sich leider(!) durch die gesamte Gesellschaft. Zum anderen wird Kritik am Vorgehen der israelischen Regierung immer noch gerne mit „Antisemitismus“ gleichgesetzt – meiner Meinung nach nicht in Ordnung. Völkermord und Vertreibung müssen beim Namen genannt werden dürfen.
    Die AfD wird aus guten Gründen vom Verfassungsschutz als „rechtsextremistisch“ eingestuft und beobachtet – die „Linke“ nicht.
    Und wer jetzt meint, der Verfassungsschutz sei auf dem „linken“ Auge blind und sowieso eine „Marionette des Innenministeriums / der Regierung“ (ein oft von AfD-Anhänger:innen angeführtes „Argument“), sollte sich gelegentlich mal vor Augen führen, dass sich dieses schon allein deshalb widerspricht, weil das Innenministerium / die Regierung seit langen Jahren von eher rechts / konservativer Seite geführt wird. Darüber hinaus dauerten die Ermittlungen bezüglich NSU /NSU 2.0 etliche Jahre an, beim Anschlag auf die Stromversorgung einer Raffinerie wurde dagegen sofort gehandelt und sogar unrechtmäßig voreilig – gegen Klimaaktivist:innen, die bisher nichts strafbareres getan hatten, als sich mit Plakaten auf die Straße zu kleben. Welch Frevel. Und nachfolgende Sabotageaktionen ohne stichhaltige Beweise dem „linksextremen Spektrum“ zugeordnet.
    Interessant finde ich es auch, dass die Union – wenn nach Unterschieden zur AfD gefragt – meist unterschiedliche Haltungen zur EU und Russland angibt. Dass diese Partei rechtsextremistisch ist, scheint allein kein Grund zu sein, nicht mit ihr zusammenzuarbeiten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert